Projekt Kardaschow: Teaser Trailer 1

Der erste Band meines Zukunftsromans „Projekt Kardaschow“ beginnt Gestalt anzunehmen.

Zeit für einen Teaser Trailer!

Coming soon… Projekt Kardaschow Phase 0: 16000 Gigawatt

Der Wolkenhimmel ist aufgerissen: Ein herrlicher Septembertag, friedlich und dunstigblau über dem neuen alten Europa. Pyramidenpappeln zeigen, wenn sie als gezackte Schnur durch die Landschaft laufen, oft einen Fluß an: Daran denke ich. Das Kinn habe ich in die Hand gestützt, die Ellenbogen links rechts da und da auf die bläulichhartglatte Metallbrüstung der Maglevbahnstation. So guckt ein zehnjähriger Knabe ins Land, und denkt daran, was er gerne zum Geburtstag hätte. Das neue alte Europa hat sein Geburtstagsgeschenk bereits bekommen. Der Dreitongong zittert über den Bahnsteig, dann beginnen die Linearmotoren des Zuges, aus dem ich gerade ausgestiegen bin, zu summen und der Wind zu zischen. Nach drei Minuten ist die Bahn bereits unsichtbar und vierhundert Stundenkilometer schnell. Der pappbecherwarme Kaffee, die Schinkensandwiches aus dem Zug sagen dem menschlichen Geist etwas sentenziös: Auf zeige deine Stärke! Gute Frühstücke sind so, sie neigen zu einer barocken Ausdrucksweise, das muß so sein. Und auf gute Frühstücke die man schienengleitend durchs Land zu sich nimmt trifft dies in doppeltem Maß zu. Verreisen fahren fahren und frühstücken. Auf zeige deine Stärke! sagt der entleerte Kaffebecher noch ein letztes Mal (freundlich ganz freundlich ohne Ermahnung) bevor ich ihn in den Plasmaschacht werfe. Summ leise. Kohlenstoff Wasserstoff Stickstoff Sauerstoff Spurenelemente zu Schlacke Syngas. Neue Pappbecher Autos Häuser Computer Schwebebahnen; Produktionskreislauf.

Einige Jahre nach dem Beginn des Entropiekrieges beschlossen viele Menschen – insbesondere auf den nördlichen Inseln – dass der nötige nächste Schritt in einer geometrischen Inversion begriffen sein müsse, mit dem menschlichen Schädel als Inversionsfläche. Mir scheint, wir nehmen die Realität als eine Schichttorte mit vier Schichten war: Das Universum außerhalb von uns selbst, unsere Körperoberfläche, das Innere unseres Körpers und die eigenen Gedanken und Gefühle, mit anderen Worten das Innere des Gehirns mit dem Schädelknochen als Schutzhülle außenherum. Die etwas jüngere Generation, doch auch viele ältere wie beispielsweise der bekannte Philosoph Hammrlund entschlossen sich zu dieser Zeit den Kosmos zu invertieren und die Straße hinunterzugehen. Beides war nicht schwierig, es war sogar so leicht, dass man sich wunderte, dass noch niemand zuvor daraufgekommen war: Zur Inversion ließ man aus dem Zentrum des menschlichen Kopfes – den man sich getrost vereinfachend kugelfömig denken kann – ein sternhell aufleuchtendes Bündel von Strahlen heraustreten, dass alle Orte der Realität mit dem Inneren verband, die drei äußeren Schichten, insbesondere die alleräußerste, das Universum außerhalb des eigenen Körpers, faltete man so in die innerste, das eigene Gehirn. Ist der Abstand vom Zentrum des Kopfes bis zu einem gewissen äußeren Ort, gemessen entlang des entsprechenden Goldstrahls wie an einem heiteren, galaktischen Maßband das in die Unendlichkeit reicht und in Einheiten des Schädelradius‘ geeicht ist, gleich r1, und der Abstand vom Zentrum bis zum Inversionsbild dieses Ortes innerhalb der Schädelkugel gleich r2, wobei wiederum der Radius der knochigen Kugel die Längenenheit vorstellt, so ist das Produkt der Kehrwerte dieser beiden Zahlen gleich 1: Dies ist das simple Gesetz der Inversion. Mit dem die-Straße-hinuntergehen ist’s nicht viel komplizierter – wie kompliziert genau kommt auf die Eltern und gegebenenfalls sonstigen Anverwandten an, manche erheben vielleicht die Stimmen und sagen: Du verreist nicht mit diesen schrecklichen Menschen, die nehmen alle Drogen! Dann muß man eventuell aus dem Fenster klettern, nicht ohne sich geschminkt und die Gitarre eingepackt zu haben, denn wie jeder weiß, kann man nicht die Straße hinuntergehen ohne eine Gitarre bei sich zu tragen, oder, noch besser: Sie saitenblechscheppernd hinter sich herzuschleifen.

Prallrosa Annikas Pobacken, groß und schön wie zwei aufgehende Vollmonde im August. Tief und kaltdunkel ist der entengrützige Ententeich. Irrsinnsgroßstadtverkehr fernheulend in Natriumdampflichtfiebern, leise wie ein Sturm unter dem Horizont. Der Wolkendunsthimmel niedrig und anthrazitnachtend, Schatten eines vierstrahligen Jets, Düsenzischen, schwankend segelt die Maschine dem Flughafen entgegen (die Passagiere werden wie immer alle gleichzeitig aufspringen, denkt Felix, und sich beim Aussteigen einen regelrechten Ringkampf liefern). Enten schnattern hochmütig traumgelangweilt unter überhängenden Baumwurzeln. Platsch und platsch. Rund und hell Annikas Körper in der Dunkelheit, platsch und flatsch der ententeichweiche Schlick und vermodernde Pflanzenmasse, quillt angenehm zwischen fröstelnden Zehen. Der Teich gluckert. Der Teich ist schwarz. Der Teich grübelt. Der Teich atmet. Der Teich dampft. Der Teich schweigt. Felix und Annika waten ins Wasser.

Das Flusstal durchschneidet den Kontinent bis hinunter zum Weltmeer das den Globus umströmt.

Die Gewitter der vergangenen Tage, Regenschauer und Tornados, die das Hochland heimsuchten, sind in lichtkühle Stille zerflattert. Der Wind schweigt. Der Regen hat sich im Laufe der Nacht zu feinem Sprühregen, stillem, rauchgrauem Frühnebel, hellem Dunst, in dem nur noch eine Ahnung von Feuchtigkeit liegt, aufgelöst.

Das Flusstal strahlt metallklar: Die Luft aus sich selbst heraus leuchtet, in den Farben von Silber, Chrom und Messing. Ich sitze auf der Terrasse des Hotels Zarathustra und esse einen Coupe Dänemark. Ihr wisst schon, Vanilleeis mit heißer Schokoladensauce.

Karla Sibelius habe ich heute früh kennengelernt. In einem ganz kleinen, billigen Zimmer habe ich gewohnt, eigentlich nur eine Dachkammer unter einem der vielen spitzen Giebel des Hotels, von dem aus man den Fluss sehen und hören kann – nächtens ist mir das leise, unendlich starke Atmen, das Flüstern und Seufzen des Wassers nahe gewesen, jeden Morgen habe ich als erstes das gleißend hell irisierende Band gesehen, auf dem schwarze Bargen kriechen, nachmittags und abends wurde ein himmelblaues Binnenmeer daraus. Während der Stürme war er flaschengrün, und heute morgen leuchtet er in den Farben aller Metalle. Der Himmel ist sanft wie Milch.

Es war viel früher als sonst. Der Wind? Er schwieg. Der Regen: war fort. Flussrauschen tiefsanftstill wie die Grotte der Zeit. Streckstreckstrecken den Körper im Bett; schneeiges Laken kaum hautschlackig… streckenatmen: Ja, man ist lebendig, wie wunderbar! Schräg die holzgetäfelte Wand, giebelschmal das Fenster, frischklarer Lichtstrom. Tapptapp die Füße auf kaltweichen Teppich (rottürkis gestreift). Duschen? Duschen. Leiseleisehusch, ich will niemand wecken: noch mehr als eine Stunde, bestimmt, bis menschliches Leben sich regt, grollt, lacht, trappelt, redetredetredet, das Flirren von Ideen über dem wachen Kontinent aufsteigen lässt.

„Guten Morgen, besten Dank für’s Herbringen meines Büchleins. Genieren Sie sich nicht, weil Sie einen mit Sonnenblumen bedruckten Schlafkimono anhaben, Sie sind unabhängig von jeglicher Kleidung nicht sehr attraktiv. Schauen Sie nicht verstimmt, es ist das Schicksal der Männer neben Frauen zu wirken wie ein archaischer Doppeldecker neben einem modernen Düsenflugzeug. An Ihrer Unansehnlichkeit kann ich nichts ändern, aber ein Blick in Ihr Gesicht lässt mich vermuten, dass Ihr Geist im schönen Gespräch veredelbar sein könnte. Bleiben Sie hier, kämmen Sie mir mein Haar, und bereiten Sie Ihren Verstand darauf vor, die gestirnten Alleen des Kosmos zu durcheilen.“ Dies sagte Karla Sibelius, und fuhr, während ich mit der Bürste, die sie mir reichte, ihr sehr langes, aschblondes Haar kämmte, fort: „Mir gefiel schon immer der Gedanke, dass sich die großen Prozesse des Universums in den kleinen ähnlich wiederholen, und zwar über eine Vielzahl von Ebenen hinweg: So kann man nicht ohne Grund das Leben eines einzelnen Menschen als mikroskopisches Abbild der langen Entwicklung des Universums vom Urblitz bis zum kühlen, gleichmütigen Verlöschen ansehen, und ebenso einen einzigen Tag unseres Lebens als Spiegelung des gesamten Lebens. In präwissenschaftlicher Zeit – deren Ende man übrigens durchaus auf ein sehr kürzliches Datum legen kann – setzten die Menschen als grundlegenden Maßstab häufig ihr eigenes Leben an: Das Erscheinen, Aufblühen und Verlöschen der Mondphasen, der Wandel der Gestirne als Leben und Tod göttlichmenschenhafter Wesen. Im wissenschaftlichen Zeitalter – achten Sie darauf, die Bürste nicht ziepen zu lassen, sonst knote ich Ihnen das eine oder andere Paradoxon in Ihre Gedanken, das Sie den Rest Ihres Lebens nicht mehr loswerden – in unserem Zeitalter, dass wir nicht unbegründet als jenes ansehen, in dem die Aufklärung erfolgreich zuende geführt wurde, wissen wir, dass Menschen nicht Maßstab oder auch nur Modell sein können, ihr Dasein in dem dünnfeuchten Luftfilm, der die Erde bedeckt, von insektenhafter Bedeutungslosigkeit ist. Dennoch ist es uns gelungen, mit dem Kosmos ins Einvernehmen zu kommen.“

Ein Bach. Wie schön, dass hier ein Bach fließt, gebogen, vorbei an einer Lichtung. Oben, am weit entfernten Himmel, hat das schweigenddröhnende Tiefblau die Cumulusklippen auseinandergedrängt. Himmelsfjord. Eine winzige Düsenmaschine malt pastellweiß ihren Kondensstreifen. Lisa lacht, hebt die Arme und denkt an Hochhäuser in Brasilien. Der Bach hat, dort wo seine Krümmung ein Knie bildet, einen winzigen Sandstrand angeschwemmt. Der Sand ist kalt und weich und grau. Lisa denkt an ein Restaurant in Südfrankreich: Warm schwer süßliche Luft, eine Blumenrabatte. Ein Schild: Kaninchenbraten mit Kräutern – Tagesgericht. Es ist alles ganz ruhig, bis auf die Musik eines C-64-Computerspiels (in den Achtzigern muß es sich zugetragen haben), die aus dem dem Restaurant angeschlossenen Hotel dringt (dort, die Ferienwohnung im Obergeschoss muß es sein, die deutsche Familie mit dem mageren Jungen, der dauernd grundlos kichert). Lisa hält die Zehen ins Wasser: kalt, betäubend kalt. Sie denkt an eine Diesellok, die an einem blaßorange glühenden Januarnachmittag über eine eingleisige Strecke fährt. Schneestaub gischtet unter der Lok hervor. Irgendwo in Deutschland, vermutlich Nordrhein-Westfalen.

Der Mikrosatellit Kläuschen-2 steht wie eine drahtig bebende Mücke im kathedralischen Schwarzheiter des erdnahen Weltraums: achtundsiebzig Kilometer Perigäum, hundertneunzig Kilometer Apogäum, nächstnahe Intimzone der Erde, gestartet auf einer kommerziellen britischen Wegwerfrakete mit zwei Feststoffstufen vom halblegalen Privatkosmodrom des Australiers Sammy Myers nordöstlich von Alice Springs in staubender Einöde. Klein und zerbrechlich ist Kläuschen, programmiert hat ihn die Berliner Hackerin Alexa Nimitz, ein photovoltaisches Sonnenschirmchen groß wie ein Cocktailschirm streckt er der Solarkonstanten entgegen, sein zigarettenschachtelkleiner Körper umfasst datenzirpendes Geäder von Glasfasern und Kupferlitzen, daumennagelkleine Platinen und Mikrochips, die das Informationsrinnsal des einzigen Sensors, einer Kamera die einst zu einem Smartphone gehörte, zeralgorithmen verziffern durch ein in Assembler geschriebenes Verdauungssystem pressen und mittels der Mückenbeine des Kläuschens, der vier dünndrähtigen gespreizten Antennen, größte auffälligste Komponente des Apparats, in das halblegale niemandgehörende Netzwerk Skythought speisen: Auf Wohnwagen in Norddeutschland, Bungalows in Florida, in argentinischen Baumkronen, auf vergilbten Wiesen in Oregon stehen die secondhandzerschlissenen Antennenschüsseln von Skythought. „Eine Alternative zum Internet“, erklärt Alexa Nimitz, an einem winzigen Joint saugend, „eine orbitale Ausweichmöglichkeit falls das Wewewe seine Unabhängigkeit verliert. Über den Wolken ist die Freiheit grenzenlos.“ Bisher gibt es nur zwei Datenströme in Skythought: Die Bilddaten Kläuschens, und eine auf einem ägyptischen Wettersatelliten gegen geringe Gebühr gespeicherte Liste mit billigen aber schmackhaften Rezepten, die meisten davon erdacht von Alexa Nimitz. Auf ihre Kreation „Überbackener Käsetoast mit Toblerone“ ist sie sehr stolz. „Jetzt zieht er übers Mittelmeer… die Adria, Venedig, Triest. Beim letzten Umlauf war es da noch bewölkt, aber jetztjetzt schauen Sie: Es hat aufgeklart, stahlblauleuchtend der Himmel über Triest. Heute beginnt dort eine große Raumfahrt-Konferenz, habe ich gelesen. Stellen Sie sich vor, Kläuschen könnte die Bewegungen der Konferenzteilnehmer mit farngrünen Pixelspuren sichtbar machen; wir könnten dann beobachten, wie sie von überall her sternförmig sich auf Triest, genauergesagt auf das Hotel wo der Kongress stattfindet zubewegen. Manche kommen mit dem Flugzeug: Sie ziehen in elegantem Schwung auf den Flughafen zu, zuckeln über das Rollfeld zum Terminal und dann zackt, kriecht, eckt ihre farngrüne Pixelspur mit Vorortbahn, Taxi, privatem Auto vorbei am Stadtzentrum die mit dunklem Baumgestrüpp bewachsenen Hänge hinauf zum Hotel und dem an es angeschlossenen Kongresszentrum, das wir hier auf dem Bildschirm, schlecht aufgelöst von Kläuschens astigmatischem Zyklopenauge, als dunklen Klecks erkennen können. Aus der Nähe ähnelt es einem modernen Kuppelzelt, ein blasenartiges Gebäude aus grau lackiertem Metall. Andere Teilnehmer kommen mit dem Zug, ihre pixelgrünglühende Spur führt erst, den Gleisen folgend, an der Küste entlang bevor sie am Hauptbahnhof abknickt und sich durch die Stadt hindurch hangaufwärts zum Hotel haarnadelkurvt. Andere wieder folgen der italienischen Autobahn A4, bevor sie in Palmanova auf die Schnellstraße E70 wechseln, oder sie kommen von slowenischer Seite, durchs Waldhügel-Einsame, Vrhnika passierend – in Postojna hält man kurz an um Zigaretten und Würstchen zu kaufen – bis man, zwischen mit schwarzstrüppigen Nadelbäumen bewachsenen felsgebänderten Hügelköpfen die unwirklich tintenblau schimmernde Schwertklinge des Mittelmeers sieht, auf der winzige Segel leuchten, strahlend weiße Schmetterlinge. Manche Teilnehmer, Wissenschaftler, Amateure, Enthusiasten, kommen eventuell sogar mit dem Schiff über das Wasser nach Triest. Das ist eine große, dreitägige Konferenz mit fast fünfhundert Teilnehmern.“
Wir möchten wissen, warum Alexa Nimitz selbst nicht hingefahren ist? Sie windet sich. „Morgen gebe ich einen Go-Kurs… und übermorgen referiere ich über genderbasierte Diskriminierung bei Softwareunternehmen… und dann sind auf dieser Konferenz auch so komische Atomkraftleute, das ist gruselig!“
So spricht Alexa Nimitz und drückt besorgt das Ponystofftier das auf ihrem Monitor sitzt. Kläuschen-2 zieht über die Ukraine, achtsekundenkilometerschnell grüne, graue und braune Felder, lichthelles Stadtgewürfel hinter sich lassend.

Mein Eichhörnchen, nun ja, ich vermute eher, ich gehöre ihm und nicht andersherum. Oder eventuell – dies scheint mir sogar am plausibelsten – existieren wir in einer Art Symbiose, nebeneinander und nicht nacheinander, so wie manche Philosophen, beispielsweise der nicht unoriginelle Hammrlund, annehmen, es gebe keine Kausalität, die Ereignisse, die sich gegenseitig zu verursachen scheinen, ereignen sich nacheinander, hängen aber in Wirklichkeit nicht zusammen. Doch genug hiervon. Sie erlauben, dass ich Ihnen Kaffee anbiete: Kein Wissenschaftlerbüro ohne Kaffee, selbst wenn es sonst wirklich keine Kausalität geben sollte: Dies wird immer aufs Innigste verknüpft bleiben – der Arbeitsplatz eines Naturwissenschaftlers und das Orgeln der Kaffeemaschine. Hier bitte! Mit Zucker Milch? Schwarz für die junge Dame, weißsüß für den Herren? Gernegerne. (Nun läuft das dunkelheiße Getränk in ihren schönen gelblichrosaroten Bauch, eine nette Vorstellung!) Was viele über Eichhörnchen nicht wissen – denn normalerweise sind diese ja sehr scheu – ist, wie schwertscharf ihre Klauen sind: Um in Bäumen klettern zu können, braucht es gute Steigeisen, die Klauen der Hörnchen schneiden anstrengungslos durch jegliches organische Material. Dieses hier, welches auf meiner Schulter seinen Schnauzbart putzt, hat, da klüger als die meisten seiner Art, gelernt, den Gebrauch seiner Krallen so zu beherrschen, dass es an meinem Sakko, meinen Hosenbeinen, klettern kann, ohne mich zu verletzen. Und dies ist sehr notwendig, denn es ist nicht nur klüger und rätselhafter als landläufige Hörnchen, sondern seine Krallen und Nagezähne sind ungewöhnlicher Natur.

Felix: „Sie sind noch schärfer als gemeinhin üblich?“

Ja, schärfer. Vielvielviel schärfer. Noch etwas Kaffee? Viel schärfer, es ist richtig, zu sagen: Es hat die schärfsten Klauen und Zähne, die in unserer Realität möglich sind.

Annika: „Sie schneiden durch Stahl?“

Felix: „Sie schneiden durch Diamant?“

Annika: „Sie schneiden durch Kernmaterie?“

Dieses: ja, jenes: ja, jenesjenes: ebenfalls. Sie schneiden durch alles… meine beiden jungen Herrschaften, durch alles. Alles. Alles… Alles!

Annika: „Sie schneiden durch die Zeit?“

Felix: „Sie schneiden durch Wahrheit?“

Annika: „Etwa auch durch Melancholie?“

Dieses jenes jenesjenes: Jajaundja. Alles.

Felix: „Sie schneiden durch Träume?“

Annika: „Durch die Wirklichkeit?“

Sie zerteilen die Wirklichkeit. Ja. Sie haben die Schärfe dieser Eichhörnchenklauen treffend beschrieben. Hörnchen höre: Diese beiden jungen Leute und jene kleinste Ente, die auf dem Fensterbrett neben dem vertrockneten Zimmergummibaum döst, sie begehren einen Zustand geringer Einförmigkeit und großer Kompliziertheit aufzusuchen, und all dies, ohne eine Fontaine milder Einförmigkeit ins All zu schleudern. Letzteres wäre mein Metier, das des Technologen, der Komplexität schafft, und die dabei unweigerlich abströmende Einfachheit ausdenaugenausdemsinnt. Für Ersteres jedoch braucht es nagekräftige Hörnchenhilfe: Zerbeiße das Realitätsgefüge so weit, dass zwei nackte junge Menschen und eine kleinste Zierente plaudernd und schnatternd hindurchschreiten können!

Und es tut’s. Herabgehuscht von sakkograuer Schulter, gebleckt die plancklängenfeinen Nagezähne, zertrennt die Realität. Knabberknabber: Schon öffnet sich die Wirklichkeit, dort dort… schau, Felix! Mitten in trockenwarmer Institutsluft, neben mit allerlei Papier bestapeltem Schreibtisch des Dr. Owlglass, hat das Hörnchen einen Spalt genagt, einen violett leuchtenden Spalt, um den feine elektrische Blitze knistern. Es nagt es knabbert — weiter und weiter wird der Spalt, bis er zu einem türgroßen Durchgang angewachsen ist, erfüllt von violetten und dunkelblauen Lichtschwaden, umknattert von gewittriger Entladung. Nun, lieber Dr. Owlglass, liebes Hörnchen: Vielen besten Dank. Wir gehen nun. Komm mit, Ente. Lasst uns gehen. Es ist Zeit. Auf Wiedersehen, liebe Freunde, auf Wiedersehen. Sie schreiten durch die knisternde Wirklichkeitsöffnung, Menschmenschente, je auf ihre eigene Art: Annika tänzelt. Die Ente entet. Felix Vergil setzt mit großem Sprung hindurch. Blaues Licht umschluckt sie, das Portal schließt sich ist verschwunden. Auf Wiedersehen.

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