Gruselmärchen der Moderne

Im Mittelalter fürchteten Menschen sich vor Hexen, Dämonen, Geistern, Vampiren und allerlei sonstigen übersinnlichen Unholden.

Heutzutage wissen die meisten (hoffentlich), dass es solche Wesen nicht gibt. Aber es spuken immer noch schaurige Märchen und Sagen durch die Köpfe – allerdings sind die „finsteren Mächte“ nun technologisch-industrieller Natur.

Menschen gruseln sich meist vor dem, was sie nicht kennen und unverständlich finden. Daher sind die modernen Schauermärchen interessanterweise aufgefächert nach verschiedenen politischen Richtungen und Weltsichten. Der konservative Lateinlehrer aus Südbayern erzittert vor anderen Dämonen als der grüne Abgeordnete im Kölner Stadtrat.

Um was für Märchen handelt es sich? Es gibt vermutlich sehr viele. Ich habe drei besonders verbreitete (und nervende) herausgegriffen.

Märchen 1. „Kernkraftwerke verursachen Krebs!“

Ein substantieller Anteil der Bevölkerung Deutschlands hat panische Angst vor der Kernenergie, wobei die Kenntnisse über diese Technologie sich meist darauf beschränken: „Da ist irgendwas Radioaktives drin, und Radioaktivität bringt Tod und Verderben.“

Hohe Dosen ionisierender Strahlung sind natürlich gefährlich. Würde jemand ungeschützt direkt neben einem arbeitenden Leistungsreaktor stehen, wäre er auf der Stelle tot. Aber diese Maschinen haben meterdicke Schichten von Metall und Beton außen um sich herum. Die von Kernkraftwerken im Normalbetrieb freigesetzte Radioaktivität ist im Vergleich mit der natürlichen Hintergrundstrahlung aus Gesteinen und dem Weltall völlig vernachlässigbar. Jedes Kohlekraftwerk setzt um Größenordnungen mehr Strahlung frei – durch die in Abgasen und Aschen enthaltenen Radiotoxine. Sogar Geothermiekraftwerke strahlen äußerlich stärker als Kernkraftwerke.

Daher ist es kaum verblüffend, dass statistische Untersuchungen von Leukämiehäufigkeiten nie eine kausale Verknüpfung zwischen Kernkraftwerken und dem Auftreten der Krankheit nachzuweisen vermochten. Zwar gab es mal eine Studie in Deutschland, die auf eine minimal größere Häufigkeit innerhalb eines 5 km-Umkreises um die deutschen Kernkraftwerke hinzuweisen schien, doch waren diese Abweichungen nach oben so gering, dass es sich sehr gut um eine zufällige Fluktuation handeln konnte. Es gelang bei entsprechenden Untersuchungen in anderen Ländern (Frankreich, Großbritannien, USA) nie, einen solchen Häufigkeitsanstieg auszumachen.

Zusätzliche Dokumentation:

Es existieren natürlich, wie bei jedem Volksmärchen, unzählige memetische Varianten hiervon. „In deutschen Kernkraftwerken ereignet sich fast täglich ein Beinahe-SuperGAU, aber die Betreiber vertuschen dies“ finde ich besonders putzig (Guten Morgen, in Kernkraftwerken ist jeder Huster meldepflichtig, wenn im Verwaltungsgebäude von Gundremmingen eine Klimaanlage streikt ist das hierzulande schon eine angstvolle Zeitungsnotiz wert); sehr nett ist auch: „Kernkraftwerke unterstützen den Klimawandel durch ihre Abwärme“ – physikalischer Stumpfsinn. Der Primärenergieverbrauch der Menschheit beträgt zur Zeit rund 16000 Gigawatt, der Erhitzungseffekt durch zusätzliches Kohlendioxid in der Atmosphäre liegt dagegen bei Millionen von Gigawatt. Die über 9000 Gigawattjahre Elektrizität, die Kernkraftwerke bislang weltweit produziert haben, wurden auf äußerst verträgliche Art erzeugt – klimaneutral und mit sehr geringen Schäden an Mensch und Umwelt pro Energiemenge.

Es verblüfft nicht, dass Schauermärchen über Kernenergie vor allem bei Grünen und „Linken“ verbreitet sind. Ich schreibe „Linke“ bewußt in Anführungszeichen, denn das heutige linke Politikspektrum Deutschlands ist meines Erachtens nach nur noch dem Namen nach links.

Märchen 2. „LSD-Konsumenten bilden sich oft ein, sie könnten fliegen und springen deshalb aus dem Fenster“

Es kommt vor, dass psychisch instabile Menschen unter dem Einfluß von Psychedelika sich selbst Schaden zufügen – dies geschieht jedoch absichtlich, der Rauschzustand fördert selbstzerstörerische Tendenzen zu Tage, die, eventuell unbewußt, bereits vorher vorhanden waren. Fälle, in denen jemand plötzlich überzeugt war, wie ein Vogel fliegen zu können und deshalb in die Tiefe stürzte, sind nicht bekannt.

Gruselmärchen über Drogen sind bei Konservativen sehr verbreitet. Für den kleinstädtischen Lateinlehrer, der für die CSU kandidiert, sind LSD und Konsorten „irgendetwas Schreckliches“, was diese gruseligen jungen Leute mit den grünen Kammfrisuren, die den ganzen Tag über boshaft im Stadtpark herumlungern, verkaufen und einnehmen. Anti-Drogen-Legenden werden leider sogar von Ärzten gerne wiedergekäut. Eine andere beliebte Story besagt: „Das Rauchen von Marihuana führt meistens später zum Konsum härterer Drogen“. Wenn dem so wäre, müßte die breite Mehrheit der Bevölkerung harte Drogen konsumieren. Noch absurdere Geschichten behaupten, wer dreimal LSD eingenommen hätte, würde offiziell für wahnsinnig erklärt, oder LSD sei ein Mutagen. Da die Leserinnen meines Blogs alle intelligent sind, brauche ich nicht weiter zu erläutern, weshalb dies gröbster Unfug ist!

Zusätzliche Dokumentation:
Wikipedia: List of misconceptions about illegal drugs

Märchen 3. „Egoshooter verursachen Schulmassaker!“

„…und der Täter hat das Spiel BloodGoreBattleWarfareZerstückelung 7 gespielt!“

Ja, das mag sein. Er hat es zuweilen gespielt, genauso wie sehr viele seiner Klassenkameraden, die im Gegensatz zu ihm nicht zum Killer geworden sind. Naja, die anderen kamen auch nicht aus einer Problemfamilie, hatten keine schon seit Jahren deutlich auffälligen psychischen Probleme, waren keine kompletten Einzelgänger, nicht depressiv. Wie wäre es, darauf zu achten, dass Schüler, bei denen sich starke Verhaltensauffälligkeiten, Aggressionen o. ä. abzeichnen, in psychiatrische Behandlung kommen? Achja richtig, das würde Zeit und Geld und Mühe kosten. Da ist es viel einfacher, etwas zu verbieten – nämlich die Computerspiele. Meist gehen solche Bestrebungen, ähnlich den Märchen über Drogen, von älteren konservativen Mitmenschen aus.

Derartige Märchen und Legenden wären ja belustigend, wenn sie nicht zur angstvollen Reduzierung von Freiheiten, zu Panikreaktionen und Verboten führen würden. LSD wurde bereits in den 1960ern verboten, die Nutzung der Kernenergie zur Stromerzeugung in Deutschland 2002 durch Novellierung des Atomgesetzes untersagt. Nach dem Reaktorunfall in Fukushima entschloß man sich aufgrund des massiven Starkbeben- und Tsunamirisikos in Mitteleuropa zu einem beschleunigten Atomausstieg – bis 2022 sollen alle Kernkraftwerke stillgelegt werden. In Sachen Videospiele unternehmen die Konservativen nach jeder Gewalttat eines Jugendlichen Verbots-Vorstöße, anstatt anzustreben, die psychiatrische Versorgung in Deutschland oder das Sozialklima an Schulen zu verbessern.

Ich möchte weder die Drogen, noch die Kernenergie, noch die Videospiele verboten wissen. Es sollte ein Grundrecht jedes Menschen sein, die phantastische Energiedichte der Kerne nutzbar zu machen, sich von Halluzinogenen künstlerisch oder philosophisch inspirieren zu lassen, oder zur Unterhaltung Egoshooter zu spielen. Natürlich ist es richtig, dabei bestimmte gesetzliche Grenzen zu ziehen: Es hat seinen guten Grund, dass der sowjetische RBMK-Reaktor mit positivem Temperaturkoeffizient in den meisten Ländern unzulässig ist.

Sinnvoll wäre eine Variante des Atomgesetzes, die Neubau von Kernkraftwerken zulässt, aber nur unter der Bedingung, dass aktuelle Reaktordesigns mit passiver Sicherheit verbaut werden. Bezüglich LSD ließe sich über den Verkauf in lizensierten Drogenläden nachdenken, in denen die Konsumenten fachkundige Beratung durch Pharmokologen, Psychologen und Neurologen erhalten – oder auch ein „LSD-Führerschein“, den man in einem Kurs erwirbt, in dem man lernt, wie man mit der Droge verantwortungsvoll umgeht (z. B. dass man sie nie nehmen sollte, wenn man innerlich nicht ausgeglichen ist).

Über Videospiele müssen die Eltern aufgeklärt werden, damit sie darauf achten können, dass ihre Kinder keine nicht-altersgemäßen Titel spielen und ihnen den richtigen Umgang mit modernen Medien beibringen.

In allen drei Fällen sind hysterische Verbote der falsche Weg. Die Menschheit sollte allmählich reif genug sein, um nicht mehr an Gruselmärchen zu glauben, egal ob es sich um Märchen von „links“ oder von „rechts“ handelt.

Interessante Webseite: Snopes – Urban Legends. Hier werden zahlreiche moderne Märchen auf ihren Wahrheitsgehalt abgeklopft.

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2 Gedanken zu „Gruselmärchen der Moderne

  1. gefällt mir 🙂 was mich vor allem interessieren würde ist, woher kommt der grundgedanke beim erfinden solcher urbanen legenden…werden diese gezielt gestreut um bei der bevölkerung eine gewisse orientierung zu erreichen…wo ist der wahre kern..der sich ja meistens hinter legenden verbirgt…
    beim lsd z.b. kann ich mich erinnern das es sogar in den krimis der 80er jahre gerne als die wahnsinnsdroge schlechthin bezeichnet wurde…es gab sogar mal eine folge…bei soko glaub ich…wo dieses angebliche vom dach springen thematisiert wurde….um so verwirrter war ich nach ersten selbstversuchen mit lsd…ich konnte nicht fliegen und hatte auch nicht unbedingt das verlangen danach^^
    jemand meinte mal das besagte legende mit dem fall frank olson zu tun hätte…was ich wiederum für quatsch halte weil von anfang an der begründete verdacht bestand das olson aus einem hotelfenster geworfen wurde..zwar stand er unter dem einfluss gewisser drogen..wahrscheinlich auch lsd..aber wie auch bei späteren obduktionen bestätigt wurde war es wirklich ein gewaltakt.
    lg

    flippy

    • Danke 🙂

      Woher die Legenden kommen, und wie sie entstehen, ist gewiss eine komplexe und interessante Frage. Ich denke, es wäre zuviel gesagt, wenn man annähme, dass sie gezielt gestreut worden wären. Ein gewisses Element an „gezielter Einstreuung“ mag jedoch vorhanden sein:
      Beim LSD spielte sicher eine Rolle, dass dieses Halluzinogen bei den Hippies und 68ern weit verbreitet war. Die Konservativen, für die die Hippies das Übel schlechthin waren, konnten daher die öffentliche Darstellung von LSD als „Wahnsinnsdroge“ als praktischen Propagandaschachzug nutzen.
      Im Falle des Kernkraft-Krebs-Mythos waren sicherlich vor allem die Grünen die treibende Kraft hinter der Ausbreitung der Legende. Die Darstellung von Kernenergie als „Teufelszeug“ war immer eines ihrer zentralen Ziele – von dem auch industrielle Gruppierungen, die mit den Grünen an für sich nichts am Hut hatten, profitierten: Nämlich die Kohle-, Erdöl- und Ergas-Industrie,
      Bei den Egoshootern scheint mir weniger politisches Interesse dahinter zu stecken als vielmehr die Ablehnung von Unterhaltungsmedien, die die meisten älteren Mitmenschen nicht kennen und verstehen. TVTropes hat eine netten Artikel dazu: http://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/NewMediaAreEvil

      Bei der Ausbreitung von Legenden spielt vermutlich auch die memetische Mutation eine große Rolle: Jemand hat „irgendwo“ „irgendwas“ gehört, gibt es unpräzise weiter, der nächste Empfänger erzählt es wiederum leicht abgewandelt drei weiteren Leuten usw. Im Internet funktioniert dieser Mechanismus besonders effizient.

      Viele Grüße,
      Dr H.

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