Zum Weltfrauentag: „man“, „mensch“, „eins“ – geschlechtergerechte Sprache

Heute, am 8. März, ist Weltfrauentag. Zu diesem Anlass möchte ich etwas über geschlechtergerechte Sprache schreiben.

Der – nicht ganz korrekt so benannten – Sapir-Whorf-Hypothese zufolge beeinflusst Sprache unser Denken. In ihrer starken Form besagt diese These sogar, dass die Struktur unserer Sprache bestimmt, welche Gedanken wir denken können, und Texte deshalb sinngemäß nicht von einer in eine andere Sprache übersetzbar sind, da die zugrundeliegenden Gedanken nicht übertragen werden können. In ihrer schwächeren Form besagt sie, dass sprachliche Strukturen gewisse Rückwirkungen auf unser Denken und sonstiges Verhalten haben.

Was meint ihr? Trifft diese These zu – wenn ja, in welcher Form?

Vergleichen wir zwei Sätze:

„Die Wissenschaftler, die das Konzept des integrierten Brutreaktors entwickelten, veröffentlichten ein Paper über den geschlossenen Brennstoffzyklus.“

„Die Wissenschaftlerinnen, die das Konzept des integrierten Brutreaktors entwickelten, veröffentlichten ein Paper über den geschlossenen Brennstoffzyklus.“

Das Deutsche funktioniert sehr „geschlechtslastig“. Wir haben Artikel, die männliche, weibliche und sächliche Nomen unterscheiden. Berufe und sonstige Tätigkeiten werden in den meisten Fällen mit einem generisch-männlichen Wort bezeichnet: Pilot, Wissenschaftler, Student, Arbeiter, Bauer, Kellner, Arzt, etc. Ausnahmen sind Berufe, die früher als Frauendomäne angesehen wurden: Krankenschwester, Stewardess, Kurtisane, Zofe (fallen euch noch weitere ein?). Das „Model“ ist übrigens sächlich, was daran liegt, dass das Wort auf dem Englischen übernommen wurde, wo mangels Artikel und geschlechtsspezifischer Endungen diese Problematik nicht auftritt.

(Anm.: Ich weiß dass man heutzutage Stewardessen und Stewards als „Flugbegleiter“ bezeichnet, aber dieses Wort gefällt mir gar nicht, da es umständlich und irgendwie bürokratisch klingt.)

Viele haben, meines Erachtens nach nicht zu Unrecht, darauf hingewiesen, dass diese Sprachgewohnheiten zum einen sexistische Machtstrukturen reflektieren: die wenigen generisch weiblichen Berufsbezeichnungen entsprechen Tätigkeiten die als untergeordnet wahrgenommen (die Stewardess hat weniger Macht und Ansehen als der Pilot) oder, im Falle der Kurtisane, sogar traditionell als „antisozial“ diskreditiert werden. Im Geiste der schwächeren Sapir-Whorf-Hypothese kann man zum anderen vermuten, dass diese Machtstrukturen durch die Sprache nicht nur reflektiert, sonern auch gefestigt und verstärkt werden.

Ähnliches gilt für das Indefinitpronomen „man“, welches quasi männliche Personen als „Default“ vorsieht.

Es wurden, von Feministinnen aber auch anderen, viele verschiedene Vorschläge gemacht, das Deutsche im Sinne einer egalitären Weltsicht leicht zu modifizieren. „Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen“ ist eine einfache und sprachlich unproblematische Möglichkeit hierzu – es werden einfach beide Möglichkeiten nacheinander genannt. Aber es wurden auch ungewöhnlichere Konstruktionen vorgeschlagen: „WissenschaftlerInnen“ – eine Art Kamelhöckerschreibweise die beides in ein Wort integriert – oder auch „Wissenschaftler*innen“ – wobei der Stern sich auf Inter- und Transsexuelle bezieht.

Als Ersatz für „man“ wird mit „mensch“ und „eins“ experimentiert: „Wenn mensch sich dem Idaho National Laboratory nähert, sieht mensch zuerst die Kuppel des EBR-II über der Ebene aufragen.“ „Eins sollte nie die Möglichkeit vernachlässigen, dass bereits eine galaktische Zivilisation existiert, die sich uns noch nicht gezeigt hat.“

Und es gibt, nicht zu vergessen, auch die simple, elegante Möglichkeit des generischen Femininums: „Die Wissenschaftlerinnen, die am INL den Pyroprozess entwickelten, griffen auf die umfangreichen Erfahrungen der Metallindustrie mit elektrochemischen Verfahren zurück“ – egal, wie das Team geschlechtlich zusammengesetzt war (auf Fotos sieht man meist nur Männer, aber das bedeutet ja nicht, dass nicht auch Frauen beteiligt waren), die weibliche Form wird nun als Default genutzt, der auch die Männer implizit umfasst.

Was halte ich von all diesem? Welche Variante bevorzuge ich?

Zunächst einmal möchte ich festhalten, dass über diese Frage primär Frauen entscheiden sollten. Wenn Frauen in den deutschsprachigen Ländern sich mehrheitlich dafür aussprechen, diese oder jene sprachliche Form einzubürgern, dann müssen wir es auch so machen, denn es geht schließlich um die Belange der Frauen, um nichts anderes.

Aber ich möchte dennoch meine eigenen Präferenzen zum Ausdruck bringen, und eine neue Sicht auf das Problem schildern.

Als Schriftsteller bin ich kein Fan davon, komplette Neukonstruktionen in die Sprache einzubauen wie „Wissenschaftler*innen“. Da finde ich das generische Femininum viel besser. Es ist grammatikalisch und semantisch einwandfrei, sieht elegant aus und baut ein Gegengewicht zu den traditionell überwiegenden männlichen Wortendungen auf. Alternativ kann man auch flexibel und kreativ sein, und die Formen abwechseln, je nach Kontext und Geschmack: „Pilotinnen und Stewards der Fluglinie StratoCruises arbeiteten zur vollen Zufriedenheit der amerikanischen Wissenschaftlerinnen, die zur Klimakonferenz in Adelaide reisten.“

Letztere Möglichkeit – flexibel abwechseln – wähle ich meist in meinen Texten.

Für „man“ sehe ich keinen sprachlich schönen Ersatz am Horizont: „mensch“, „eins“, „frau“ wirken einfach nach meinem Sprachempfinden zu künstlich.

Nun war es so, dass mein Vater die sehr nervige Neigung hatte (und wohl noch hat), andauernd mit hysterisch gepresster Stimme zu erläutern, was man wie machen müsse: „Man redet nicht mit Wildfremden über Privates! Man zeigt seine Gefühle nicht in der Öffentlichkeit!“ Aus diesem Grunde ist mir das Indefinitpronomen „man“ ohnehin ziemlich verleidet. Ich benutze es so selten wie möglich: Statt „Man sollte nie die Möglichkeit vernachlässigen, dass bereits eine galaktische Zivilisation existiert, die sich uns noch nicht gezeigt hat“ – z. B.: „Die Menschheit sollte nie die Möglichkeit vernachlässigen, dass bereits eine galaktische Zivilisation existiert, die sich uns noch nicht gezeigt hat“!

Das Indefinitpronomen ist zwar bequem, da sich mit ihm viel in kompakter Form ausdrücken lässt, aber es gibt zahllose Alternativen dazu, die oft viel schöner und eleganter sind.

Sich verständigen, anderen Menschen seine Gedanken, Ideen und Gefühle mitteilen zu können – das ist der Grundzweck der Sprache. Wenn wir eine planetare – und in kommenden Jahrhunderten solarische – Zivilisation aufbauen wollen, müssen wir eine Grundlage haben, um uns miteinander verständigen zu können, mit anderen Worten, eine gemeinsame Sprache aller Menschen.

Momentan übernimmt das amerikanische Englisch weitgehend diese Funktion, ähnlich dem Latein im Mittelalter im europäischen Raum. Wenn der Ostblock den Kalten Krieg gewonnen und der Kommunismus sich weltweit verbreitet hätte, wäre eventuell dem Russischen diese Rolle zugefallen. Manche vermuten, dass in der Zukunft Mandarin zur globalen Sprache werden könnte, falls der Aufstieg Chinas mit unvermindertem Impuls weitergeht.

Es gab auch bereits Versuche, rein künstliche Sprachen (sog. Plansprachen) zu erschaffen. Die erfolgreichste davon war fraglos Esperanto – die einzige Plansprache, in der es auch Belletristik gibt. So gab der Science-Fiction-Autor Harry Harrison, der nebenher auch als Esperantolehrer arbeitete, viele seiner Romane auch auf Esperanto heraus.

Ein anderer interessanter Entwurf einer künstlichen Sprache ist Lojban – ein mathematisch präzises System, in dem alle Aussagen eineindeutig sind, Doppelsinnigkeiten sind rein strukturell ausgeschlossen. Eine Untermenge von Lojban kann sogar als Programmiersprache genutzt werden. Es wurde vorgeschlagen, dass Gesetzestexte auf Lojban verfasst werden sollten.

Esperanto ist sehr stark von den romanischen Sprachen beeinflusst: Für eine Verständigungssprache aller Menschen erscheint es mir daher zu eurozentristisch. Lojban dürfte als Sprache für Menschen (außer eben Spezialanwendungen wie Gesetze oder juristische Texte) zu „unterkühlt“ sein – schließlich lebt Literatur und überhaupt jegliche sprachliche Kreativität davon, dass Metaphern, Mehrdeutigkeiten und Sprachspiele möglich sind! Ich würde eine Sprache erst dann als „richtige“ Sprache ansehen, wenn es möglich ist, Literatur in ihr zu schreiben.

Wenn wir eine gemeinsame Menschheitssprache erschaffen wollen – bei der es sich um eine Plansprache handeln muss, da kein Land, keine Kulturregion bevorzugt werden soll – wird die knifflige Aufgabe darin bestehen, etwas gänzlich neues zu kreieren, ohne Rückgriff auf schon vorhandene Sprachen. Ein internationales Team von Linguistinnen, Schriftstellerinnen, Mathematikerinnen, Philosophinnen und Kommunikationsexpertinnen könnte sich zusammenfinden um eine solche Sprache zu entwickeln, unter aktiver Beteiligung von Menschen aller Länder via Internet.

Diese Sprache – ich möchte sie nach einer Geschichte von Jorge Luis Borges „Aleph“ nennen – könnte, da ja keine vorhandene Sprache als Inspiration dienen werden soll, entweder zufällige, computergenerierte Töne, Klänge und Silben als Basismaterial nutzen, oder aber auf elementare Konstanten und Strukturen der Realität zurückgreifen: Das Planck’sche Wirkungsquantum, die Feinstrukturkonstante, die Lichtgeschwindigkeit, Zahlen wie e, Pi, der Goldene Schnitt oder die Reynolds-Zahl könnten von Computerprogrammen in Klänge umgewandelt werden – beispielsweise indem ihre Stellen oder Primfaktoren als Koeffizienten in einer Fourierreihe von Sinusschwingungen zum Einsatz kommen. Die entstehenden Klänge werden anschließend so geglättet und nachbearbeitet dass ein Mensch sie mühelos mit der Stimme erzeugen kann, und dienen als Bausteine für die zu erschaffenden Worte.

In Aleph gäbe es überhaupt keine Artikel, die Worte hätten keine Geschlechter. Es gäbe beispielsweise nur ein Wort für Mensch – soll genauer spezifiziert werden, ob ein Mann oder eine Frau gemeint ist, wird eine von zwei verschiedenen Endungen angehängt. Gleiches würde für Worte wie „Wissenschaftler“, „Student“, „Arbeiter“, „Pilot“ etc. gelten: Das Grundwort für den jeweiligen Beruf wäre geschlechtsneutral, zur genaueren Umschreibung können Endsilben hinzugefügt werden.

Eine gemeinsame Welt-Kommunikationssprache würde dazu beitragen, die Menschheit zusammenzuschweißen, ähnlich einer internationalen Weltraumbehörde.

A propos Weltraumbehörde – zum Schluß ein kleiner „Wettbewerb“ für alle Leserinnen: Habt ihr eine Idee, wie man das Wort „bemannte Raumfahrt“ geschlechtsneutral umformulieren könnte? „Bemenschte Raumfahrt“ klingt komisch, „Befraute Raumfahrt“ irgendwie auch… ich denke schon seit einiger Zeit über eine echte, gute Alternative nach – über Vorschläge würde ich mich freuen!

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