Goa-Trance für Einsteiger

„Huch, was hörst du dir da an? Etwas mit ‚Gore‘?!“

Okay, liebe Leute… Zeit für einen kleinen Einführungskurs!

In den 1970ern befanden viele Hippies, es sei an der Zeit, in Richtung Indien aufzubrechen, da dort allerlei mystische Erkenntnis zu finden sei. So sattelte man die psychedelisch bemalten VW-Busse und machte sich auf in östliche Richtung.


Ein Hippiebus. Bildlizenz CC-BY 3.0

Nun entsprach Indien in vielem nicht so ganz den Erwartungen der Hippies. Sie mussten dort vielerorts herausfinden, dass es sich um ein äußerst konservatives Land handelte, das mit langhaarigen Westeuropäern auf der Suche nach mystischen Erfahrungen nicht wirklich warm wurde.

Jedoch: Japan hat Osaka. Deutschland das Rheinland. Die USA haben San Francisco und Indien den kleinen, an der Westküste gelegenen Bundesstaat Goa – eine ehemalige portugiesische Kolonie. Fast in jedem Land, jeder Kultur gibt es eine Region, in der die Menschen entspannter, freundlicher, aufgeschlossener sind als anderswo. In Goa hatten die Inder kein größeres Problem mit Europäern, deren Hauptbestrebung zu sein schien, nackt und bekifft am Strand herumzubummeln, zu meditieren oder Partys zu feiern.


St. Cajetan-Kathedrale in Goa. Bildlizenz CC-BY 3.0

In den 1970ern war Cannabis übrigens noch legal in Indien.

Zunächst hörten die Hippies auf ihren Strandpartys vorwiegend typische Hippiemusik: The Grateful Dead, The Doors, Pink Floyd, Jimi Hendrix und ähnliche psychedelisch-bluesige oder rockige Klänge. Allmählich brachten aber Neuankömmlinge aus Europa neue Musikrichtungen auf Tonkassette mit (Vinyl verbog sich in der Hitze Goas, so dass Schallplatten dort nicht benutzt werden konnten). Die ersten elektronischen Musikstücke bereicherten die Partys: Kraftwerk zum Beispiel, oder Tangerine Dream.

DJs experimentierten mit den neuen Möglichkeiten der elektronischen Musik, und gegen Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger, begann sich an den Stränden Goas eine ganz neue Richtung ekstatischer Tanzmusik herauszukristallisieren. Goa-Trance war geboren.

Während die Hippies nicht ohne Mißbilligung bemerkten, dass ihre Strände in immer höherem Maße von Touristenhorden überrannt wurden, die Kokain und Ecstasy anstelle von Gras, Pilzen und Acid bevorzugten und überdies überall ihren Müll herumliegen ließen, trat im Gegenzug die von ihnen erdachte Musik den Siegeszug um die Welt an. Großbritannien und Israel wurden zum Brennpunkt der Goa-Szene, aber auch in Deutschland brach gegen Ende der 1990er ein regelrechtes Goa-Fieber aus.

Um was für eine Musikrichtung handelt es sich dabei nun? Wir wollen mit dem vielleicht berühmtesten Goa-Album starten, „Twisted“ von Hallucinogen, einem Goa-Projekt des DJs Simon Posford aus Großbritannien.

Twisted wird von vielen als DAS typische Goa-Album schlechthin angesehen! Hört in es hinein… gefällt euch diese Art von elektronischer Musik? Könnt ihr euch vorstellen, dazu zu tanzen? Wenn ja – willkommen! 😉

Der Track Shamanix ist ein typischer Sunrise-Track. Goapartys dauern meist von nach Mitternacht bis weit in den Morgen hinein – oder auch oft gleich mehrere Tage! – und finden nicht selten im Freien statt, so dass die aufgehende Sonne durch einen speziellen, begeistert-erhebenden Sound begrüßt wird.

Infected Mushroom – zwei DJs aus Israel – gehören eventuell zu den bekanntesten Goa-Projekten. Von ihnen stammt das erste Goa-Album das ich mir kaufte: „Classical Mushroom“.

Beim Anhören der CD wurde ich mit dem Goa-Virus infiziert!

Die Musik von Infected Mushroom ist düsterer als die vieler anderer Goa-Künstler, und teilweise sehr komplex. Im Laufe der Zeit haben sie sich vom „reinen“ Goa wegentwickelt und musikalische Experimente unternommen, in denen sie unterschiedliche Musikstile kombinieren, so z. B. Goa, Metal und Rap in „Artillery“.

Etnica aus Italien kreieren sehr hypnotische, faszinierende Musik:

„Alien Protein“ ist eines ihrer berühmtesten Alben. Mir persönlich gefällt auch „Juggling Alchemists under the Black Light“ außerordentlich. Black Light bezieht sich auf die bei Goapartys üblichen Dekorationen, die oft unter Schwarzlicht fluoreszierende Farben benutzen.

Wie Infected Mushroom stammen auch Astral Projection aus Israel und gelten als berühmte Klassiker des Goa – insbesondere ihr Album „Trust in Trance“:

Diese vier Alben geben einen schon ganz guten – wenn auch natürlich keinesfalls umfassenden – Einblick in den charakteristischen Klang und die Atmosphäre dieser Art von Musik.

Klassischer Goa-Trance wurde in einem überraschend kurzen Zeitintervall von ca. 1995-2000 produziert. Danach entwickelte sich die Musik weiter zum sogenannten Psytrance, der dem Goa bezüglich der Rhythmen und psychedelischen Soundeffekte zwar ähnlich ist, jedoch einen härteren, mechanischeren (Goa-Puristen würde eventuell sagen: simpleren) Klang verwendet. Bekannte Projekte dieses Genres sind 1200 Micrograms und Logic Bomb.

Ihr vermutet nun, euch mit dieser Art von Musik anfreunden zu können und wollt tiefer einsteigen? Nun, in diesem Fall ist natürlich Youtube euer erster und wichtigster Anlaufpunkt! „Filteria“, „Shiva Shidapu“, „Pleiadians“, „Cosmosis“, „GOAsia“, „Blue Planet Corporation“, „Goa Gil“, „SUN Project“, „Analog Pussy“ und „Juno Reactor“ sind einige Suchbegriffe, mit denen ihr loslegen könnt.

Der User PowerOfGoaTrance hat einen wunderbaren Kanal mit fast 1000 Videos, darunter zahlreiche komplette Alben und Sampler, und er fügt immer wieder neue hinzu.

Eine ausführliche Liste bekannter Goakünstler und Alben findet ihr hier.

Wenn ihr mehr über Hintergründe, Geschichte, Kultur und musikalische Strukturen des Goa und Psytrance lernen möchtet, solltet ihr euch die Webseite A Decade of Psychedelic Trance ansehen.

Goa-Trance ist großartige Musik zum Anhören – aber noch besser zum Tanzen! Eine Liste von Goaparties in (vorwiegend) Deutschland, Österreich und der Schweiz findet sich bei Goabase. Goaparties sind bekannt für ihre friedliche, tolerante Atmosphäre – man feiert beispielsweise nicht über die sich zuweilen dorthin verirrenden Bademeister sondern mit ihnen – und ihr psychedelisches Design, das sich an Fraktalen, Außerirdischen, Fabelwesen, Hindu-Gottheiten und Psilocybinpilzen orientiert, fluoreszierende Farben und Schwarzlicht verwendet. Last not least tanzen nicht wenige Goa-Girls bauchfrei!


Fraktal (ein Ausschnitt aus der Mandelbrotmenge). CC-BY 3.0

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