Schwarzelfenzauber

Vor drei Tagen, am 18. Febraur 2013, ist Kinderbuchautor Ottfried Preußler verstorben. Seine berühmteste Kreation, der Räuber Hotzenplotz, geisterte über Zeitungs-Titelseiten und durch Kindheitserinnerungen.

Sind wir ehrlich: Den Räuber haben wir alle genial gefunden. Kasperl und Seppel dagegen… naja. Milchbubis die beiden. Dem ursprünglichen Charakter der Schelmenfigur Kasper – ein derber Bursche in der Art von Till Eulenspiegel – wird Preußlers Protagonist nun wirklich nicht gerecht. Ein sanftmütiger Musteknabe, der gerne bei seiner Großmutter sitzt, Pflaumenkuchen mit Schlagsahne futtert und mit seinem dümmlichen Freund den Räuber zum Schluß einfängt, wobei er ohne die Hilfe der guten Fee völlig aufgeschmissen gewesen wäre.

Fällt es nicht auf, wie faszinierend wir die Bösewichter in Geschichten aller Art finden, wie fad und farblos die Guten?

Darth Vader, Grand Moff Tarkin, Imperator Palpatine prägen sich unserem Scifi-Gedächtnis ein – ganz besonders unter diesen übrigens der charismatische Wilhuff Tarkin. Luke Skywalker? Eine Schlaftablette. Da ist Han Solo schon interessanter: er ist ja auch eine, zumindest anfänglich, ambivalente Figur, die die gute Sache zunächst nur nebenher aus egoistischen Motiven unterstützt. (Und er schoß zuerst, nix da Special Edition!)

James Bond ist zwar auf der „guten Seite“, aber dennoch ein recht eindrucksvoller Charakter – schließlich ist er auch skrupellos, sehr kaltblütig und, ähnlich Han Solo, moralisch ambivalent. Blofeld, mit Narbe und Perserkatze, ist freilich noch viel faszinierender…

Warum lieben wir die Bösewichter und Schurken? Sie sind wild und mysteriös, schmieden geheimnisvolle Pläne – man weiß nicht genau, was sie im Schilde führen. Sie gehören ins Reich der Schwarzelfen, Wesen der Nacht, möglicherweise nicht ungefährlich. Düster und faszinierend konfrontieren sie uns mit den mondlichthaften Grenzbereichen zwischen Realität und Traum, in die wir uns tagsüber nicht vorwagen.

Vor vielen Jahren, als ich die gymnasiale Oberstufe besuchte, verliebte sich ein Mädchen in mich. Eine äußerst brave Person: Ihre Hobbies waren Blockflöte spielen, aus Feldsteinen schöne Skulpturen basteln und mit ihrer evangelischen Jugendgruppe nach Taize fahren um dort irgendwelche frohen Jesuslieder zu singen und dazu zu klatschen. Diese Dame liebte mich, wollte mit mir zusammensein. Ich war etwas überrumpelt, denn bis dahin hatte sich noch kein Mädchen für mich in dieser Art interessiert, und so sagte ich erstmal ja. Wir küssten uns ein wenig auf einer Parkbank – aber dann raunte etwas in mir: Bist du verrückt? Dieses Mädchen ist aus deiner Sicht eine völlig uninteressante Person, ihre Charaktereigenschaften entlocken dir ein Gähnen. Du liebst sie nicht, du kannst deshalb nicht mit ihr zusammensein. Diese innere Stimme hatte natürlich recht – mir gefallen Frauen mit völlig anderen Eigenschaften – und so machte ich kurz und, wohl nicht schmerzlos aber doch letztlich human, Schluß. Ich erklärte dem Mädchen dass wir nichts gemeinsam hätten. Sie war unglücklich, aber das ließ sich nicht ändern.

Ja, ich bin eine männliche „Slut“ die das „Nice Girl“ in die „Friendzone“ steckte. Ich geb’s zu. Ich stehe dazu.

Frauen mögen Bad Boys und Männer mögen Bad Girls – aus den oben beschriebenen Gründen: Das Düstere, Abenteuerliche, Schwarzelfenhafte fasziniert und bezaubert, nicht das Brave, Alltägliche, Harmlose.

Falls irgendwelche Männer, die dies lesen, mir nicht glauben: Wen hättet ihr lieber als Freundin, ein unschuldig-naives Blockflötenmädchen dessen Leben sich zwischen Kräutertee und Scrabble mit den Eltern abspielt, oder eine flüchtige Verbrecherin a la Carmen Sandiego, mit Trenchcoat, hochhackigen Stiefeln und Revolver im Strumpfband?!

Was viele allerdings anscheinend nicht verstehen: „Bad Boy“/“Bad Girl“ zu sein bedeutet nicht, sich amoralisch verhalten zu müssen. Ein Finsterling kann auch auf der Seite des Guten stehen, und braucht dazu noch nicht einmal so skrupellos wie James Bond zu sein. Captain Jean Luc Picard ist ein Beispiel. Er kämpft aus Überzeugung für das Gute, ist aber zugleich weltgewandt, selbstbewußt, charmant und abenteuerlich, und das macht ihn unwiderstehlich.

Übertragen auf die Realität bedeutet das: Ja, Frauen mögen keine „Nice Guys“ (und Männer keine „Nice Girls“), weil solche harmlosen Charaktere langweilig sind. Das bedeutet aber keinesfalls, dass ihr Arschlöcher oder Psychopathen sein müsst, um attraktiv zu sein. Ihr solltet vielmehr daran arbeiten, einen aufregenden Charakter zu haben, eigene Ziele zu verfolgen, faszinierend und ein wenig mysteriös zu sein. Falls ihr ratlos seid, wie das gehen soll: Nehmt euch in eurem Leben irgendein tolles Projekt vor, eine gute Sache, die ihr auf jeden Fall umsetzen wollt. Dies kann alles mögliche sein: Einen Roman schreiben, eine Band gründen, einen Doktorgrad erwerben, ein Paper mit Dreifachintegralsymbol darin veröffentlichen, eine Rede im Bundestag halten, den brasilianischen Regenwald zu Fuß durchwandern… Ein Mensch, der ein interessantes Projekt mit Nachdruck verfolgt, wirkt meist auch charakterlich faszinierend und anziehend – ein „Bad Boy/Girl“ im Sinne des schwarzelfenhaften Vordringens in geheimnisumwitterte Grenzbereiche, nicht im Sinne von charakterlicher Verwerflichkeit.

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2 Gedanken zu „Schwarzelfenzauber

  1. Ich finde, die Eigenschaften mit denen wir „Nice Girl“ oder „Nice Guy“ definieren sind einfach nur Kriterien an denen wir anhaften und so Gefahr laufen uns unserem Glück mit dem anderen (oder selben) Geschlecht zu verwehren.
    Wenn ich mir die Kriterien die ich an eine Frau stelle zu Herzen nehmen würde, wäre ich bis heute noch solo. Eine solche Frau gibt es nicht.
    Das selbe gilt auch für die Frauen.
    Es gibt unter den Menschen nichts, was perfekt oder makellos sein könnte.

    Auch sind die Kriterien die geschaffen werden oft konkurrierend zueinander.
    Wer z.B. einen Bad Boy (Bad Girl) haben will, jedoch auch Treue, Höflichkeit oder gar einen Gentleman (Lady) erwartet – der wird niemals glücklich werden.

    • Die Kriterien, die man sich selbst für einen Partner zurechtlegt, sind in Reinform in der Realität nicht anzutreffen, sie haben daher eher Charakter von Richtlinien. Ein makelloser Mensch wäre auch nicht attraktiv, sondern eher unheimlich (im negativen Sinne).

      Nach meiner Definition von „bad boy/girl“ schließt sich das und Höflichkeit, Gentleman etc. keinesfalls aus sondern ist eher Bedingung dafür. Fiktives Beispiel: Captain Picard ist äußerst höflich!

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