Warum Menschen das Weltall besiedeln werden

Das Weltall ist eine äußerst unwirtliche Umgebung: Härtestes Vakuum, extreme Temperaturunterschiede zwischen siedender Hitze von über 100 Grad und klirrender Kälte unter minus 100 Grad, energiereiche Strahlung. Es ist unter Raumfahrtingenieuren nicht unüblich, zu sagen: Das leere All ist wie Giftgas – man muss es auf jeden Fall von den Menschen fernhalten.

Dennoch werden Menschen permanente Kolonien außerhalb der Erde errichten.

Es gibt viel interessantes und sinnvolles, was man im All unternehmen kann und sollte: Forschen, Rohstoffe abbauen, Energie gewinnen. Das meiste davon kann jedoch von Robotern erledigt werden. Computer der nächsten Generation, deren Schaltungen nicht mehr auf zweidimensionalen Chips, sondern auf dreidimensionalen Datenkristallen aus molekularem Computronium beruhen, werden über ausreichend Rechenkapazität verfügen, um auch komplexe Aufgaben autonom durchzuführen und ein hohes Maß an Lernfähigkeit aufweisen. Dies wird es erlauben, auch umfangreiche Unternehmungen im Sonnensytem – Forschungsexpeditionen, Bergbau auf Asteroiden, Gewinnung von Kernbrennstoffen, Konstruktion von riesigen Solarenergiestationen im geostationären Orbit – von Maschinen vornehmen zu lassen, ohne dass Menschen vor Ort sein müssen. Allenfalls werden dann und wann einige Ingenieure mit einer Raumfähre vorbeifliegen, um die Roboter zu überwachen. Das Gros der Arbeiten werden jedoch die Maschinen autark verrichten können.

Aber dennoch werden sich Menschen dauerhaft im Kosmos ansiedeln.

Warum?

Zur Beantwortung dieser Frage – ein Blick auf drei Bilder (die ersten beiden CC-BY3.0, das letzte Public Domain):

Das ist das Festival Burning Man (2011), ein „hippieartig“ angehauchtes Kunst- und Aktionsspektakel in der Black-Rock-Wüste in Nevada.

Die Freistadt Christiania in Kopenhagen. Eine Art „Mikrostaat“ mit eigenen Regeln, der von der dänischen Regierung semi-offiziell als autonomes Gebiet akzeptiert wird. Der Allgemeinheit ist diese Gegend vor allem wegen des bis 2004 geduldeten Verkaufs von Cannabis bekannt.

Das Segelschiff Mayflower, das die Pilgerväter im Jahre 1620 nach Neuengland brachte (Gemälde von William Halsall 1882).

Was haben Burning Man, die Freistadt Christiania und die Mayflower gemeinsam, und welcher Zusammenhang besteht mit der Kolonisierung des Weltraums?

Das Stichwort lautet Permanent Autonomous Zones (PAZ). Hierunter versteht man ein Gelände, ein Gebäude oder sonst irgendeine Zone, in der eine Gemeinschaft von Menschen sich dauerhaft von den etablierten politischen Gebilden unanbhängig gemacht hat und nach eigenen Regeln und Gesetzen lebt.

Im 17. Jahrhundert stand für solche Bestrebungen der gesamte amerikanische Kontinent zur Verfügung (wobei die europäischen Siedler leider keinerlei Rücksicht auf die Ureinwohner nahmen). Heutzutage ist die gesamte Landoberfläche mit Ausnahme der Antarktis in Staaten aufteilt. Wohin können also Menschen, die ihre eigene Gemeinschaft gründen wollen, noch ausweichen? Sie könnten, in der Art von Christiania, versuchen, Gelände, das zu einem schon vorhandenen Staat gehört, zu besetzen und hoffen, dass dieser dies freundlicherweise akzeptiert. Aber der Toleranz der meisten Regierungen bezüglich PAZ sind recht enge Grenzen gesetzt, wie man an dem 2004 über Christiania verhängten Cannabis-Verbot sieht. Es blieben also auf der Erde nur die Antarktis oder Ansiedlungen im Ozean – künstliche Inseln oder unterwasser. Die Antarktis ist als Naturreservat ausgewiesen, eine größere permanente Ansiedlung von Menschen würde vermutlich untersagt und aufgelöst werden. Vor ähnlichen Problemen stünde vermutlich eine Kolonie auf der Meeresoberfläche. Der Meeresboden zuletzt ist das einzige Gebiet das technisch noch schwieriger zu besiedeln ist als das All – aufgrund der ungeheuren Drücke.

Und nicht zu vergessen ist die Gesamtoberfläche der Erde letztlich recht begrenzt – selbst wenn es gelingt, für Kolonien in der Antarktis oder im Meer Duldung zu erwirken: Irgendwann ist der zur Ansiedlung nutzbare Platz auf einem Planeten aufgebraucht.

Das bedeutet, dass Menschen, die nach Freiheit von vorhandenen politischen Strukturen streben, in der Zukunft das All kolonisieren müssen.

Den allerersten Anfang könnten winzige Satelliten machen, die dazu dienen, ein orbitales Datennetz als Alternative zum Internet ohne Überwachung und Kontrolle aufzubauen. Schon heute experimentieren schwedische Hacker mit Servern, die auf Drohnen in der Luft schweben, um sich von staatlicher Bevormundung unanbhängig zu machen. Der logische nächste Schritt bestünde darin, die Server in die Erdumlaufbahn zu verlegen.

Später könnten Menschen nachrücken: Zuerst in kleineren Raumstationen die die Erde umkreisen und durch Rotation Schwerkraft erzeugen, später in großen, über das ganze Sonnensystem verteilten Kolonien, torus- oder zylinderförmigen Gebilden, die eventuell aus ausgehöhlten Asteroiden erbaut werden. Solche Orbitalkolonien sind eine viel sinnvollere Methode, das All zu besiedeln als Städte auf den Oberflächen von Himmelskörpern: Denn es lässt sich in ihnen durch Rotation genau die gewünschte Schwerkraft einstellen, die Anschaffung von Wasser aus Kometenkernen stellt kein Problem dar und an- und abfliegende Raumschiffe brauchen kaum ein Gravitationspotential zu überwinden. Ferner steht im Endeffekt auch viel mehr Gesamtfläche zu Verfügung, wenn man die Asteroiden in Orbitale umbaut als wenn man Planetenoberflächen besiedelt. Die Oberflächen der Himmelskörper werden höchstwahrscheinlich vorwiegend Robotern vorbehalten sein, die dort Rohstoffe abbauen und verarbeiten.

Eine Zylinderkolonie nach den Konzepten von O’Neill (Bild Public Domain):

Solcherart könnten sich viele verschiedene Gemeinschaften mit unterschiedlichen Interessen selbstständig machen und nach ihren eigenen Vorstellungen leben: Kommunistische oder anarchistische Experimente, religiöse Vereinigungen, technokratische Staatswesen, Graswurzeldemokratien und jede weitere Staatsform die Menschen sich ausdenken können. Konflikte zwischen den Kolonien sind aufgrund der riesigen Ausdehnungen des Sonnensystems und seiner fast unendlichen Ressourcen nahezu ausgeschlossen – es sei denn, sie werden aus rein ideologischen Gründen geführt.

„Über den Wolken wird die Freiheit wohl grenzenlos sein!“ sang Reinhard Mey – außerhalb des irdischen Gravitationspotentialtopfes ist sie noch viel grenzenloser. Dies ist der Grund, warum Menschen die Erde verlassen und sich im unwirtlichen Sonnensystem niederlassen werden: Der Drang nach Unabhängigkeit und danach, neue Formen des Zusammenlebens zu entwickeln.

…ganz abgesehen natürlich von der unbezähmbaren Neugierde der Menschen, die sie antreibt, immer wieder Grenzen zu überschreiten, und der Sicherung des langfristigen Überlebens unserer Spezies durch Erschaffung von „Backup-Zivilisationen“, die von der Erde unabhängig sind und unsere Fortexistenz auch dann garantieren, wenn unseren Heimatplaneten eine Katastrophe ereilt, z. B. ein Asteroideneinschlag. Wie Carl Sagan sagte: „All species become either spacefaring or extinct!“

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2 Gedanken zu „Warum Menschen das Weltall besiedeln werden

  1. Sehr interessanter Artikel. Bis jetzt kann ich mir nur schwer vorstellen wie das technisch funktionieren soll – aber die Entwicklung geht ja ständig voran. Ich habe mich immer gefragt, ob eine „Ringwelt“ wie in der gleichnamigen Romanreihe irgendwann mal existieren könnte 😀

    Man kann nur hoffen das die „neue“ Welt in so einer Zylinderkolonie besser wird als die Jetzige. Aber dafür müsste sich die Spezies „Mensch“ grundlegend ändern und das wird wohl nie geschehen.

    • Danke für das Lob! 🙂

      Das Schwierigste an der Raumfahrt, und auch die größte technische Hürde, sind die ersten 400 km – sobald Low Earth Orbit erreicht ist, wird die Sache relativ gemütlich.

      Chemische Raketen sind in der Tat viel zu schwach um Kolonisierung in großem Umfang zuzulassen. Es gibt interessante Entwürfe für technische Alternativen, insbesondere das Magnetkatapult „StarTram“ (http://www.startram.com/) und eines meiner Lieblingsprojekte, die Lofstrom Launch Loop (http://launchloop.com/).
      Nach dem Erreichen der Umlaufbahn bieten sich nukleare Raketenantriebe zur effizienten Erschließung des Sonnensystems an. Hierüber habe ich mal einen Essay geschrieben: http://nuklearia.de/2012/09/20/kernenergie-das-tor-zum-weltraum/

      Eine Ringwelt, die die Größe der Erdlumlaufbahn hat, ist als starres System mit mittelfristig herstellbaren Materialien aufgrund der mechanischen Kräfte nicht möglich. Ein „Dyson-Schwarm“ aus vielen die Sonne umkreisenden Plattformen wäre jedoch möglich. Sinnvoller erscheint mir eine große Anzahl kleinerer Kolonien, zuerst von wenigen Kilometern Umfang, später im Bereich von hunderten bis tausenden von Kilometern, erbaut aus Asteroiden-Material. Möglich sind zylinder- oder torusförmige Strukturen, die durch Rotation künstliche Schwere erzeugen. Matthias Meier hat einen schönen Blogpost dazu geschrieben: http://www.final-frontier.ch/orbitale

      Eine perfekte Welt zu erschaffen wird wohl nicht möglich sein, und das ist vielleicht auch ganz gut so, da in einer solchen die Menschen jeglichen Antrieb, etwas zu unternehmen, verlieren könnten. Ich denke eher, dass sich viele unterschiedliche soziale Gebilde und Staaten im Sonnensystem bilden werden, jeder mit einer eigenen Philosophie und Gesellschaftsstruktur.

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