Warum ich Feminist bin (und warum es keinen Maskulismus braucht)

…Stop! Moment, Halt! Ich bin doch heterosexueller Cismann, kann ich denn dann Feminist sein?! – werden manche sich eventuell fragen. Und ja, das kann ich. Denn Feminismus bedeutet im Kern nichts weiter als dafür einzustehen, dass Männer und Frauen die gleichen Rechte haben und niemand wegen seines Geschlechts in irgendeiner Form benachteiligt werden soll – genauso wie niemand wegen seines Aussehens, seiner sexuellen Orientierung oder irgendeiner anderen persönlichen Eigenschaft diskriminiert werden darf.

Die breite Mehrheit der Menschen in den fortschrittlichen Ländern (Europa, Kanada, Australien, Neuseeland) wird diese Forderung unterschreiben, weswegen man sagen kann, dass in diesen Regionen die meisten Menschen, Frauen wie Männer, Feministen sind.

Dennoch gibt es weltweit immer noch sehr viel Gewalt gegen und Benachteiligung von Frauen. Die islamische Welt fällt hier leider sehr negativ auf, aber auch in den westlichen Ländern, den vom reaktionären Puritanismus geprägten Vereinigten Staaten – sogar den sozial progressiven europäischen Gesellschaften, existiert immer noch ein nicht tolerierbares Maß an Sexismus.

Es hat seinen Grund, dass in den MINT-Studienfächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) der Frauenanteil oft unter 20% liegt. Daran, dass Frauen solche Wissenschaften nicht verstehen oder sich „von Natur aus“ nicht dafür interessieren würden, liegt das keinesfalls. Die Ursache scheint mir eher zu sein, dass Schülerinnen, die sich für Mathematik oder Physik interessieren, schon gar zu bald suggeriert bekommen, dass wenn sie sich mit etwas derart „unweiblichem“ befassen, sie den Rest ihres Lebens als Ausseinseiterinnen verbringen müssten, nie und nimmer Freunde oder gar einen Partner finden würden.

Wie oft müssen Frauen sich dämliche Sprüche darüber anhören, dass sie nicht einparken könnten, sich ihr ganzes Leben nur um Shopping und Smalltalk drehen würde, dass ein Studium für sie sinnlos sei, da sie doch Hausfrau und Mutter werden sollten, etc. etc. etc.?! Selbst im fortschrittlichen Westeuropa viel zu oft, und in diesem Zusammenhang ist bereits einmal viel zu oft, da solche Aussagen reaktionär, sexistisch und unverschämt sind.

Feminismus bedeutet, solchen geschlechtsbasierten Diskriminierungen entgegenzuwirken. Dies ist für mich ein wichtiges Ziel, und deswegen bin ich Feminist. Ganz einfach. Short and sweet.

Nebenbei bemerkt bin ich kein großer Fan der Frauenquote, da diese das Problem nur verschiebt. Anstatt künstlich zahlenmäßige Gleichheit erzwingen zu wollen, sollte man das Übel an der Wurzel packen.

Und weshalb braucht es nun meiner Meinung nach keinen Maskulismus? Die kurze Antwort ist, dass es zwar da und dort Benachteiligungen von Männern gibt, diese jedoch gegenüber der massiven Benachteiligung von Frauen weltweit außerordentlich sporadisch und gering sind.

Die etwas ausführlichere Antwort lautet: Ja, es gibt einige Phänomene, die man auf den ersten Blick als Benachteiligung von Männern deuten kann, bei genauerer Betrachtung jedoch entpuppen diese sich als getarnte Diskriminierung von Frauen.

Die am häufigsten angeführten Beispiele sind die Wehrpflicht für Männer, die Tatsache, dass Frauen öfter das Sorgerecht für Kinder zugesprochen wird und dass vor Gericht Frauen durchschnittlich geringere Strafen als Männer für das gleiche Vergehen bekommen – wobei ich, als Justiz-Laie, nicht ausschließen möchte, dass es sich bei letzterem nur um ein Gerücht handelt, ich katalogisiere es für’s erste unter „important if true“.

Warum gibt es nun die Wehrpflicht für Männer, aber nicht für Frauen? Ist dies eine Diskriminierung der Männer? Schließlich wird man dadurch in seinem Lebensweg um ein Jahr aufgehalten (es sei denn man strebt ohnehin eine militärische Karriere an), und potentiell (lebens-)gefährlichen Situationen ausgesetzt.

Kampf und Krieg wurden in den meisten Kulturen jahrtausendelang als „Männersache“ angesehen. Frauen galten als beschützenswert, zerbrechlich und sollten nicht kämpfen. Die einseitige Wehrpflicht ist daher nur eine verkappte Form von gegen Frauen gerichtetem Sexismus, ein Relikt der Gesellschaftsteilung „Burgfräulein in der Kemenate – Ritter auf dem Roß“.

Man könnte darüber nachdenken, die Wehrpflicht auf beide Geschlechter auszudehnen. Ich halte jedoch das ganze Konzept der militärischen Verpflichtung der Bürger für veraltet und nicht kompatibel mit individueller Freiheit. Vielmehr sollte die Bundeswehr, so wie viele andere Armeen weltweit, in eine kleine, aber exzellent ausgebildete und ausgerüstete Berufsarmee umgewandelt werden, die beiden Geschlechtern gleichermaßen offensteht.

Ähnliches gilt für Strafgerichtsurteile: falls es denn stimmt dass Frauen für die gleiche Tat durchschnittlich geringere Strafen erhalten, ist dies darauf zurückzuführen, dass man Frauen früher nicht als vollständige Erwachsene ansah, sie vielmehr als große Kinder betrachtete, die man mit einer Extraportion Nachsicht behandeln müsse. In einer egalitären Gesellschaft würde niemand vor Gericht bevorzugt, niemand benachteiligt werden.

Dass Frauen öfter das Sorgerecht zugesprochen bekommen, liegt ebenso an veralteten Vorstellungen über Aufgabenbereiche der Geschlechter, die Frauen in der Rolle der Hausfrau und Mutter sehen. Dies ist auch der Grund, warum Studienrichtungen und Berufsfelder wie Grundschullehramt oder Kindergärtner einen übergroßen Frauenanteil aufweisen (quasi die inverse Situation zu den Naturwissenschaften). Es liegt nicht daran, dass Männer durchweg keine Lust hätten, sich mit Kindern zu beschäftigen – vielmehr wirkt immer noch die Vorstellung nach, dass es „sanfte Tätigkeitsbereiche“ für die „fürsorglichen Frauen“ und „harte Bereiche“ für den Mann, der „hinaus ins feindliche Leben“ strebe, geben müsse.

Daran sieht man, dass der Maskulismus entweder komplett überflüssig ist, oder aber seine Forderungen bereits in denen des Feminismus enthalten sind.

Ich vermute übrigens, dass viele Männer sich nur deshalb gegen den Feminsimus sträuben, weil sie fürchten, dass sie in einer geschlechteregalitären Welt keinen oder zumindest viel zu selten Sex haben würden. Guten Morgen, liebe Männer. Ich kann euch versprechen, dass in einer Welt, in der Sexismus weitgehend abgeschafft ist, alle Menschen sehr viel mehr und sehr viel besseren Sex haben werden als heutzutage, da wir dann alle viel entspannter miteinander umgehen werden.

Interessante Links:

RationalWiki: Feminism

Weltkarte des Frauenwahlrechts: Wann wurde es wo eingeführt, und wo noch nicht?

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2 Gedanken zu „Warum ich Feminist bin (und warum es keinen Maskulismus braucht)

  1. Sehr lesenswerter Artikel! Deine Argumentation würde ich so schon unterschreiben, allerdings könnte man noch einiges hinzufügen:
    -bezogen auf die MINT-Fächer: wenn sich eine Frau trotz der Stigmata für ein solches Studienfach entscheidet, wird sie im häufigen Fall regelrecht rausgemobbt. Frauen werden viel kritischer beäugt als ihre männlichen Kommilitonen und jeder noch so kleine Fehler, den sich Frau erlaubt, wird schwerwiegender bewertet. Deshalb ist es umso nachvollziehbarer, dass keine Frau so recht Lust hat, sich ständig beweisen zu müssen, dass sie mindestens genauso intelligent ist wie die männlichen Kollegen.
    -Männer argumentieren gerne damit, dass Frauen im Gegensatz zu Männern keine großen Erfindungen und Entdeckungen hervorgebracht haben. Woran liegt das wohl? Richtig, weil man Frauen Zugänge zu Universitäten blockiert hat. Und wenn Radioaktivität keine bedeutende Entdeckung (durch Marie Curie) sein soll, dann weiß ich auch nicht mehr.
    -Erziehungsberufe sind nicht nur wegen der traditionellen Rollenverteilung unanttraktiv für Männer, sondern auch wegen der Bezahlung. Nicht auszudenken, dass sich ein Mann, der ungehindert Karriere machen und unverschämt viel Geld anhäufen könnte, sich dazu herablässt, einen schlecht bezahlten, wenn auch gesellschaftlich wichtigen Beruf auszuüben. Sollen das schön die Frauen machen!

    Aber so wie du es bereits beschrieben hast, schießen sich Maskulist_innen eigentlich nur selbst ins Bein, wenn sie an patriarcharischen Strukturen festhalten wollen.

    • Danke für dein Lob 🙂

      Frauen werden viel kritischer beäugt als ihre männlichen Kommilitonen und jeder noch so kleine Fehler, den sich Frau erlaubt, wird schwerwiegender bewertet.

      Ja, das kommt noch hinzu. Physikstudent stellt sich im Praktikum ungeschickt an – Reaktion: „Ach, der hat halt einen schlechten Tag.“ Studentin stellt sich ungeschickt an – Reaktion: „Ha, Frauen können das eh nicht.“

      Männer argumentieren gerne damit, dass Frauen im Gegensatz zu Männern keine großen Erfindungen und Entdeckungen hervorgebracht haben. Woran liegt das wohl? Richtig, weil man Frauen Zugänge zu Universitäten blockiert hat. Und wenn Radioaktivität keine bedeutende Entdeckung (durch Marie Curie) sein soll, dann weiß ich auch nicht mehr.

      Genau, und die Aussage, Frauen hätten keine bedeutenden Entdeckungen und Erfindungen gemacht, ist auch einfach falsch – z. B.:
      Hypathia – Astrolabium, Hydrometer.
      Sibylla Merian – Präzise Naturzeichnungen, Entomologie.
      Ada Lovelace – Computerprogrammierung, Algorithmik.
      Marie Curie – Radioaktivität, Kernphysik.
      Lise Meitner – Kernspaltung, Kernenergetik.
      Admiral Grace Hopper – Compiler, Programmiersprache PL-1.
      Jill Tarter – SETI (Suche nach extraterrestrischen Zivilisationen), Astrobiologie.

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