Winternebel

Ich liebe Winternebel: eine weiche Decke, die über die Landschaft gebreitet alles dämpft, die Luft angenehm feuchtkühl, die Geräusche sanfter und die Gedanken friedlicher und kühner zugleich werden lässt.

Wenn man sehr jung ist, wacht man früh auf und ist gleich hellwach, wie ein Tier. Ich erinnere mich daran, wie ich, als mein Alter geradeeben erst zweistellig geworden war, oft um die Morgendämmerung herum wach wurde – ich vermochte mir sogar vorzunehmen, zu einem bestimmten Zeitpunkt aufzuwachen – und, lange bevor meine Eltern aktiv wurden und das Frühstück zubereiteten, etwas Spannendes unternahm: Ein Spaziergang alleine über die Felder. Oder ich arbeitete mit meinem Rechner, einem Atari ST, an meinem momentanen Programmier-Projekt weiter, während es draußen hell wurde und erst dunkelblaues, dann metallhelles Licht hereinflutete – denn ich bringe diese Situation unweigerlich mit jenen stillen, kalten, freundlichen Tagen zwischen Oktober und März in Zusammenhang, die in dichten, stahlgrauen, grauweichen Winternebel gehüllt sind. Das klare, friedliche Nebellicht verschmolz mit dem kristallinen schneeig-schwarzen Glühen des Monochrommonitors zu einer doppelten Welt, teils physische Realität, teils virtuelle digitale Struktur, in der ich mich außerordentlich geborgen fühlte.

Bis heute sind stille dunstiggraue Winter- oder Vorfrühlingstage für mich mit Aufbruchsstimmung und Entdeckergeist verknüpft. Wenn ich die kühle, weiche Luft spüre, den schwachen Duft von kalter, feuchtegesättigter Erde rieche und über allem die zugleich sanfte und strahlende Metallhelligkeit liegt, dann möchte ich etwas ergründen! Dann muß ich ein neues, ungewöhnliches Buch oder Forschungspaper lesen, oder selbst eine Lösung für ein Problem suchen, sei es ein wissenschaftliches, ein literarisches oder im Idealfall beides. Oder ich unternehme einen Ausflug und denke währenddessen über die Probleme die ich lösen möchte nach!

Heißer Kaffee mit Milch und Zucker ist keinesfalls das Schlechteste, um einen stillen, schönen Winternebelmorgen zu feiern.

Die Fähigkeit, aufzuwachen wann immer ich möchte und sogleich hellwach zu sein habe ich leider verloren. Ob sie irgendwann wiederkommt? Ich weiß es nicht. In einem bin ich mir jedoch sicher: Wenn sie wiederkommt, wird es an einem Winternebelmorgen sein.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s