Die Thermodynamik der Freiheit

Alle Revolutionen und sozialen Bewegungen der Moderne gingen und gehen von den Großstädten aus. Dort ist die Aktivität der Menschen laserartig fokussiert: Wissenschaft, Industrie, Kultur, Handel; Forschungsinstitute, Universitäten, Bibliotheken, Theater, Filmkunstkinos, Museen, Fernverkehrsachsen, Hochtechnologie – alle Aspekte menschlicher Kreativität entfalten sich in den Großstädten.

Die Großstadt ist die archetypische Lebensform der Moderne, denn sie hat die Moderne hervorgebracht und in ihr entwickelt sie sich weiter.

Ich habe dies selbst erfahren. Meine Jugend verbrachte ich in einer Kleinstadt mit rund zwanzigtausend Einwohnern. Wenn ich dort versuchte, jemandem zu erklären, warum die Suche nach Exoplaneten wichtig ist, oder weshalb wir eine Raumsonde bauen sollten, die sich durch den Eispanzer des Jupitermondes Europa schmilzt um in dem schwarzen, salzigen, vulkanischwarmen Ozean darunter nach Lebensformen zu suchen, dann erntete ich meist verständnislose Gesichter oder Sarkasmus. Nach dem Abitur zog ich in eine größere Universitätsstadt. Mit einem Mal verstanden mich die Menschen mehrheitlich und vermochten meine Ideen nachzuvollziehen.

Jede menschliche Handlung benötigt, sofern sie gestalterisch in die Umgebung eingreift und nicht rein geistiger Natur ist, konzentrierte Energie, denn die Erschaffung von Strukturen bedeutet, dass die Entropie des Universums lokal verringert, in gleichförmig verteiltes, ungeordnetes Material Information eingebracht wird, so dass ein komplexes, geordnetes System entsteht. Sich selbst überlassen erhöhen alle Systeme ihre Entropie unablässig. Damit sie sinkt, muß Energie aufgewandt werden, und zwar möglichst anti-entrope – das heißt: konzentrierte, zu einem intensiven Strom gebündelte – Energie.

Besonders eindrucksvoll sieht man dies bei der Metallverarbeitung: Verhütten, Schmelzen, Gießen, Schmieden, Legieren, Walzen und Fräsen von Metallen erfordert nadelartig fokussierte Energieströme, in Form von chemischen Reaktionspartnern, Wärmequellen, mechanischen Kraftwirkungen, Lichtbögen oder Lasern. Ein Stahlwerk nimmt soviel Energie auf wie eine mittlere Stadt: mehrere 100 Megawatt.

Die präindustriellen Gesellschaften waren hochkollektiv, sie kannten das Prinzip des Individualismus nur in rudimentärer Form, wobei eine grobe Korrelation zwischen individueller Freiheit einerseits und Organisationsgrad des gesamten sozialen Gefüges andererseits ausgemacht werden kann: Jäger- und Sammlergesellschaften, viehzüchtende Nomadenstämme und einfache landwirtschaftliche Gemeinschaften verfügen kaum über Individualismus, zumindest nicht im modernen Sinne. Jedes Stammes-, Sippen- oder Dorfgemeinschafts-Mitglied ist in ein sehr starres Schema von Sitten, Gebräuchen, spirituellen Vorstellungen und Tabus eingebettet. Übertretungen führen zur Verbannung oder sogar Hinrichtung.

Die urbanisierten Gesellschaften der Antike – zunächst in Form von Stadtstaaten, später Imperien, die um eine oder mehrere Städte als Regierungssitz herum organisiert waren – boten mehr Freiheit, was einerseits dem Aufschwung von Philosophie, Kunst und Wissenschaft zu verdanken war, andererseits diesen rückwirkend begünstigte. Nicht zu vergessen bedienten Griechen und Römer sich des aus unserer Sicht moralisch verwerflichen Mittels der Sklaverei um ihre eigene Freiheit zu steigern, indem sie ungeliebte Tätigkeiten auf „menschliche Roboter“ abwälzten, um so ihrem Ideal Otium – Muße zum Denken, Disputieren und Philosophieren – näherzukommen.

Im Mittelalter führte der Kultursturz Westeuropas zu einer Deurbanisierung; Handel, Produktion, Lebensstandard und Wissenschaft fielen zumindest zu Anfang stark unter das Niveau der Antike zurück, entsprechend litten auch geistige und individuelle Freiheit. Der katholischen Kirche und ihrer scholastischen Philosophie gelang es, ein sehr rigides Regelsystem aufzustellen und durchzusetzen. Im Zuge der Renaissance eroberten die Europäer sich die antiken Errungenschaften zurück und wuchsen anschließend rasch über sie hinaus: Klassik, Aufklärung, moderne Wissenschaft und offene Gesellschaft, Raumfahrtzeitalter, Digitales Zeitalter sprengten, dem „Law of Accelerating Returns“ folgend, die Grenzen des bisher Vorstellbaren. Die Freiheit des Individuums in Form der Emanzipation der Frauen sowie Schwulen- und Transrechten, die Freiheit der psychedelischen Introspektion durch die Entdeckung des LSD, die Befreiung aus den Fesseln unseres Heimatplaneten durch die Raumfahrt und die Freiheit der Kommunikation durch Entwicklung des Internet wurden allesamt im Laufe des 20. Jahrhunderts errungen, vor allem während seiner zweiten Hälfte.

Schon denken Visionäre wie Götz Werner darüber nach, die Menschen von jeglichem Arbeitszwang zu befreien, indem die Stillung ihrer Grundbedürfnisse (Nahrung, Kleidung, Wohnung, Kommunikation, Mobilität…) als Grundeinkommen o. ä. ohne wenn und aber garantiert wird. Die Automatisierung der industriellen Produktion durch Computer und Roboter lässt solche Konzepte in zunehmendem Maße realistisch erscheinen.

All diese Errungenschaften sind Resultate der modernen Wissenschaft und der auf ihr aufbauenden industriellen, großstädtischen Gesellschaft, die auf hohe Energieflußdichten angewiesen ist.

Je mehr Kilowatt pro Person eine Gesellschaft zur Verfügung zu stellen vermag, in desto höherem Maße kann der einzelne Mensch seine Umgebung gestalten und desto unabhängiger ist er von Natureinflüssen, die ihn durch Knappheit, Hitze, Kälte, Hunger, Krankheiten und vieles andere bedrohen. Egal ob wir zu Studien- oder Erholungszwecken in ein anderes Land reisen, unsere Wohnung heizen um uns vor der Winterkälte zu schützen, uns importierte Produkte kaufen, einen Highend-Computer benutzen oder an einem Forschungsprojekt mitarbeiten: All diese Aktivitäten verbrauchen viel Energie, und das urbansierte Leben mit seiner hohen Komplexität, die von Kommunikationsnetzen über Massentransit-Systeme bis zur industriellen Produktion in Fabriken mit hohem Automatisierungsgrad reicht, erfordert die Nutzbarmachung scharf gebündelter anti-entroper Energieflüsse.

Bisher kamen diese Energieflüsse zu großem Anteil (in den meisten Industrieländern rund 80%) aus der Verbrennung fossiler Rohstoffe: Öl, Erdgas, Kohle. In der Zukunft werden sie teils aus den klassischen Erneuerbaren stammen – Solarkraft, Geothermie und Tiden: die drei erneuerbaren Primärquellen – zu großem Anteil jedoch aus der Kernenergie: kurz- bis mittelfristig Spaltung von schweren Atomkernen in fortgeschrittenen Brutreaktoren auf Uran- oder Thoriumbasis, längerfristig Fusion leichter Kerne, Deuterium und aus Lithium erbrütetes Tritium, reines Deuterium oder auch exotische Kombinationen wie Wasserstoff und Bor. Die immense Energiedichte der Kernreaktionen machen diese zum essentiellen Werkzeug einer fortschrittlichen robotischen Gesellschaft im postfossilen Zeitalter. Je schärfer gebündelt die Energieströme, desto präziser und grundlegender kann man die Welt umgestalten. In den kommenden Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten werden wir die Welt aufs Präziseste und Grundlegendste umgestalten wollen und müssen, und schärfer bündeln als in Spaltungs- oder Fusionsreaktoren kann man Energie nicht – nur der Sturz von Masse in ein Schwarzes Loch (der durch die immense Kompression vor Erreichen des Schwarzschildhorizontes viel Strahlung freisetzt) und die Materie-Antimaterie-Reaktion bieten, zumindest nach den bislang bekannten physikalischen Gesetzen, noch höhere Energiekonzentrationen.

Das linke Politikspektrum hat geholfen, viele wichtige emanzipatorische Strömungen auf den Weg zu bringen: Befreiung der Frauen, Rechte von Schwulen, Lesben und Transsexuellen, der Sozialstaat als Vorstufe zum Bedingungslosen Grundeinkommen, Überwindung nationalstaatlicher Barrieren und Entwicklung einer globalen Gemeinschaft aller Menschen. Jetzt jedoch beginnt es diese Errungenschaften durch ausgeprägte Hochtechnologiefeindlichkeit – panische Angst insbesondere vor der Kernenergie, aber auch Ablehnung von Gentechnik, Nanotechnologie, Raumfahrt und Robotik – zu gefährden. Kernenergie und Raumfahrt sind für die meisten im linken Umfeld angesiedelten Gruppierungen indiskutabel. Stattdessen wird ein beschauliches Dasein mit kleinskaligen, harmlos erscheinenden Technologien angestrebt: Nette Solarzellen auf Südbalkonen und ein Laptop für jeden Bürger. Gegen Solarzellen und Laptops ist zwar nichts einzuwenden, aber um unsere urbanen Industriegesellschaften fit für die Zukunft zu machen ist anti-entrope Hochtechnologie erforderlich: zur Erzeugung hoher Energieflußdichten als Triebkraft moderner und zukünftiger Produktionsverfahren, zur Industrialisierung des Sonnensystems und Erschließung der fast unbegrenzten Rohstoffvorkommen anderer Himmelskörper, insbesondere der Asteroiden.

Durch Bekämpfung der Hochtechnologie, vor allem der Kernkraft, sabotiert der linke Politikflügel seine eigene größte Errungenschaft: die Freiheit des Individuums. Denn eine moderne urbane Gesellschaft, die Freiheiten schaffen kann, ist auf hohe Energieflussdichten angewiesen.

Im angelsächischen Raum zeichnen sich jedoch hoffnungsvolle Perspektiven ab: Hier tritt eine neue Generation von Linken und Umweltschützern auf den Plan, die technik- und fortschrittsfreundlich eingestellt ist. Ob diese positive Tendenz irgendwann auch in Deutschland Fuß fasst?

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