Schnee

Eine weiche, bläuliche Schneewelle umfließt die spätwinterliche Nordhalbkugel.

Schnee ist wunderbar. Er ist kalt und strahlendweiß im Licht der kristallinen Wintersonne. Er ist tintenblau und kuschelig wie ein Kopfkissen. Frühmorgens, wenn die Sonne, verborgen hinter Dunstschichten, über den Horizont steigt und ihr Licht gefiltert und erweicht in die Landschaft herabsinkt, die sanfte Helligkeit zwischen Birkenstämmen und Teichen wie gefrorenes Laub auf die Schneefläche schwebt, wird er glimmend rosa, traumartig irisierend, und man meint, nicht mehr auf der Erde zu sein. Abends, im Licht der Straßenlaternen, glüht er warm goldorange auf.

Ich stelle mir gerne vor, an Winterabenden im Schneetreiben, umgeben von still und freundlich fallenden Flocken, mit einem Mädchen im Lichtkegel einer Straßenlaterne zu knutschen. Das kann eine moderne Straßenlaterne sein, mit orangeflammendem Natriumdampflicht, eine alte Laterne mit jupiterhellen Glühfadenlampen, oder sogar eine viktorianisch schmiedeeiserne mit mondhaftem Licht brennende Gaslaterne. In meiner Stadt sind in einer Gasse als Kuriosität wieder Gaslampen in Betrieb. Es ist jedoch nicht so wichtig, was für eine Laterne es ist: Schneetreiben und das helle Lichtrund in der Winternacht, durch das große, weiche Flocken trudeln – dieses Bild fasziniert mich.

Carmen hat mich sanft gegen den Laternenmast gedrückt und reibt langsam ihren rechten Oberschenkel an mir. Unsere Zungen berühren sich, tummeln sich, kraulen sich gegenseitig rau und feucht. Carmens Zunge ist kirschrosa, das weiß ich, denn manchmal streckt sie mir die Zunge heraus. Ihre Haut ist karamellbraun, ihr Haar tiefschwarz und glatt. Sie riecht sehr gut, wie ein Apfelbaum im Frühling.

Sie drückt sich mir lautlos und stürmisch entgegen, ihre Zunge schlängelt sich tiefer in meinen Mund. Ich schmecke einige Kuchenkrümel. Schneeflocken berühren mit kaum spürbarer schwereloser Kühle unsere erhitzten Gesichter. Carmens Kapuze, die schlanke, kegelförmige Kapuze ihres Kapuzenpullis, ist nach hinter gerutscht. Ich liebe diesen Pullover: die Art, wie Carmen oft ihr Gesicht im Halbschatten der Kapuze versteckt, erinnert an eine süße Ratte. Ratten sind niedlich und intelligent. Hausratten bleiben in der Manteltasche sitzen wenn man spazierengeht und laufen nicht weg. Ratte ist kein Schimpfname. Es ist mein Kosename für Carmen. Meine süße kleine Ratte. Sie presst sich an mich, reibt ihren Schenkel schnell und heftig an mir, versucht mich mit dem Bein zu umschlingen. Ich streichle ihre Pobacken, kugelrunde, zarte Pfirsiche.

Bis nach Mitternacht haben wir in einem Cafe Kuchen gegessen und süßen Wein getrunken. Jezt stehen wir, auf einem schneestillen Platz den wir bisher nicht kannten, zwischen schwarzweißscheckigen Platanen und einem schlafenden Papiergeschäft, im Laternenlichtkegel und schmusen.

Carmens Pobacken beben, hüpfen, tänzeln unter meiner Berührung. „Lass uns in die Eckige Unendlichkeit gehen.“

Carmen ist großstädtisch. Sie studiert Kunst und Mathematik und trägt am liebsten rosa lackierte Arbeiterstiefel. Kennengelernt habe ich sie, als sie im Stadtwald – was wäre eine Großstadt ohne ihren Wald! – eine Satellitenantenne in der Krone einer alten Eiche montierte. Sie warf mir eine Strickleiter hinunter, ich klomm hinauf, und sie erklärte mir, Flügelschrauben festziehend: „Es ist für Skythought, ein auf Mikrosatelliten beruhendes Datennetz als Alternative zum Internet, ohne Kommerz und Kontrolle.“

„Ich bin ein Wesen aus Stahl und Strom. Ich bin zusammen mit der Stadt aus der Erde gewachsen, Ich bin ein Teil der Stadt. Ohne sie kann ich nicht existieren und sie nicht ohne mich.“

Sie zeigte mir bald nachdem wir uns kennengelernt hatten die Eckige Unendlichkeit, ein halbunterirdischer Club mit billigem Bier, dessen Einrichtung bis auf einige Sitzgruppen aus schwarzem Schaumstoff fast komplett aus Industriebeton-Fertigteilen besteht.

Wir wissen nicht genau, wo wir in der Großstadt sind. Aber die Eckige Unendlichkeit finden wir dennoch mühelos und rasch. Wir würden sie von jedem beliebigen Punkt aus finden.

In der Nähe des Clubs verläuft, das weiß ich, ein stiller grauer Kanal, auf dem bunte Enten schwimmen und hochmütig schnattern. Links und rechts des Kanals ragen Kolonnen klobiger Wohnblocks auf, in denen Studenten, Punks und Arbeiter wohnen, und in denen sich auch die Pizzeria befindet, in der sich Carmen einmal pro Woche mit anderen Skythought-Enthusiasten trifft.

Ich atme einmal kurz die entige algige Luft, die vom Kanal herüberzieht, ein, bevor wir durch die orangelackierten Metalltüren der Eckigen Unendlichkeit und die Treppe hinunter ins musikseismisch zitternde Erdinnere hinabsteigen.

Carmen zieht ihren Kapuzenpulli – auf dem vorne der aus Leiterbahnen und Raumfahrtmotiven gefügte Schriftzug Skythought prangt – an der Garderobe aus. „Ich bin kaum kälteempfindlich“, hat sie mir einmal gesagt, „ich könnte im Februar nackt spazierengehen.“ Unter dem Pullover trägt sie nur ein dünnes rosa Top, das Bauch und Arme nackt lässt. Ihr Nabel ist oval, von Größe und Form her eine gute Schüssel für eine einzelne, etwas kleinere Weintraube.

„Ich liebe es zu tanzen. Tanzen ist wie Sex. Es ist Sex, wenn man es richtig macht.“

Das sagt Carmen oft. Die Eckige Unendlichkeit hat zwei Tanzflächen, eine große zwischen Bar und schwarzschaumstoffigen Sitzgruppen, und eine kleinere, gewölbehafte, von Carmen bevorzugte, die man über eine hinabführende Wendeltreppe erreicht.

Wie schön sich Carmens Pfirsiche rhythmisch bewegen. Ich streichle und kraule ihren Po: Mit geschlossenen Augen, die Hände auf den Kopf gelegt, tänzelt sie auf der Stelle, mit kleinen, zierlichen Bewegungen, aber ihre Backen, ihr Becken, zittern vor Lust.

Ihr Po hat, das weiß ich, seinen eigenen Willen. Gutmütig ist er, fröhlich, lüstern und sehr eigensinnig. Wenn ich ihn genug kraule, kann er beim Tanzen geradezu überschnappen. So massiere und liebkose ich Carmens Backen, und meine süße Ratte tanzt immer wilder und streckt mir ihren Po unanständig wackelnd entgegen, reibt ihn an meinem Körper.

„Wirklich gut tanzen kann man nur nackt. Kleidung stört dabei unglaublich.“ Auch das sagt Carmen oft.

„Ein wenig Nebelmaschinenqualm, viel diffuses, indifferentes Gedränge sind ausreichend verhüllend und diskret?“

„Ich würde auch dann nackt tanzen, wenn mich alle deutlich sehen können.“

Carmens Po ist zu ungestüm, um in Hose und Schlüpfer eingesperrt zu bleiben. Die nackten, zarten Kugeln pressen sich tanzend gegen meinen Schritt, hüpfen fordernd. Als sie mich in sich spürt hebt sie die Arme über den Kopf, bewegt sich wie eine Bauchtänzerin, damit ich alle empfindlichsten Stellen in ihr berühre.

„Meine süße kluge Ratte“, sage ich zu ihr. Das sage ich oft zu ihr, vor allem aber, wenn wir zusammen Honigtoast essen, früh am Morgen, in ihrer Wohnung in der 13. Etage, und zusehen, wie die Stadt die langsam über sie flutende Helligkeit aufsaugt.

Bis es dämmert und wir Honigtoast essen werden, wird noch ein wenig Zeit vergehen. Dennoch sage ich schon mal zu ihr: „Meine süße Ratte!“ Ich sage es ihr mehrmals, wir küssen uns.

Wir haben zusammen getanzt, „dirty“ getanzt, wie manche es nennen. Vermutlich hat es jemand gesehen, sich geärgert oder für uns gefreut, wer weiß. Dann haben wir billiges, bitteres Bier getrunken und süße Cocktails, entspannt auf dem schaumgummischwarzen Sofa.

„Lass uns hinaus gehen und eine neue Straßenlaterne zum Knutschen suchen.“

Schnee fällt, gewichtslos im goldgelben Licht. Schnee sinkt mit kaum spürbarer Kälte auf unsere erhitzten Gesichter. Carmen schaut wie ein liebes kleines Nagetier unter ihrer Kapuze hervor. Sie drückt mich gegen den Laternenmast, schlängelt ihre Zunge feuchtrau in meinen Mund. Ein wenig Bier schmecke ich, und eine Ahnung von Wodka, Sahne, Eiswürfeln. Eiswürfel auch? Ja, die haben einen Geschmack, einen verblüffend starken Geschmack, ebenso wie der Geruch von Schnee überwältigend intensiv zu sein vermag.

In einer Stunde wird es hell werden. Wir werden Honigtoast essen und zusehen, wie erst violettes, dann tintenblaues, dann schneegraues Licht über die Dächer der Stadt flutet und als Wasserfall aus eiliger Zeit in die erwachenden Straßen hinunterströmt.

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