Janina

Janina sucht nackt nach Exoplaneten.

Die meisten Exoplaneten kann man nicht einfach so abbilden: Der Glaßt ihres Sterns verschluckt sie wie ein prasselndes Feuer das Licht eines einzelnen Zündholzes. Janina ist eine Jägerin. Sie muß klug und listig vorgehen, winzige Vorteile ausnutzen und auf der Hut sein. Janina jagt Planeten am Ufer des Datenstroms, den große Teleskope in den Anden ausstoßen. Sie spürt ihnen nach in der Wildnis der Sternspektren, im undurchdringlichen Gestrüpp der Absorptions- und Emissionslinien.

„Ich mag Kleidung nicht sonderlich“, sagt Janina. „Sie erzeugt ein unangenehmes Gefühl: schlackiger Panzer auf der Haut. Ich ziehe nie mehr als unbedingt nötig an, wenn möglich, überhaupt nichts. Seit Jahren kämpfe ich für das Recht auf öffentliche Nacktheit, aber hier in den Vereinigten Staaten sind die Widerstände gewaltig. Protestantische Amerikaner sind felsenfest davon überzeugt, Kinder würden irreparablen Schaden nehmen, wenn sie nackte Erwachsene sehen. Diese Leute glauben zuweilen auch, die Erde sei 6000 Jahre alt. Manche halten sie sogar für eine Scheibe.“

Zuhause ist Janina immer nackt. Im digitalen Zeitalter kann man von zuhause aus auf Planetenjagd gehen. Dazu legt sie sich nackt mit dem Laptop auf ihren Futon.

Ich habe Janina vor dem Kapitol in Washington DC bei einem Gotopless-Protest kennengelernt. Sie demonstrierte dort mit einigen hundert anderen Menschen: „Equality – the right to go topless for men and women!“ las ich auf einem Plakat – ich kam zufällig vorbei, andere, unbedeutende Gründen hatten mich nach Washington geführt. Das Schild, das Janina trug, sagte jedoch: „Our titties are just the beginning – legalize full public nudity!“

„Man muß es ihnen schrittweise nahebringen“, erläuterte sie. „Gotopless ist eine zweifellos nette Sache, die als Ansatzpunkt benutzt, dass Männer ja ihren nackten Oberkörper und ihre Brustwarzen in der Öffentlichkeit zeigen dürfen, warum nicht Frauen? Nur weil wir Milchdrüsen dahinter haben? In dieser Hinsicht herrscht Ungerechtigkeit, aber ich möchte weiter gehen: Das Recht auf Nacktheit, immer und überall, für alle Bürger. Legalize public nudity!“ schmetterte sie aus einem Megaphon, das sie bei sich trug, in Richtung des Kapitols.

Janinas Haut ist dunkelbraun, fast schwarz, wie Bitterschokolade, und ihr Haar blau gefärbt: Zu vielen langen Zöpfen gebunden reicht es bis zum Po. Sie erzählte mir von Hot Jupiters, verirrten Gasriesen in flammendem Beinahekontakt mit ihrem Stern, von extrasolaren Kuipergürteln, deren Staubhülle schwach im Infrarot glimmt, von Spektren, Radialgeschwindigkeiten, Bedeckungsveränderlichen und Mikrogravitationslinsen, während wir auf einer Anhöhe, die den Potomac River überblickte, picknickten: Avocadoscheiben, Roastbeef, Mandarinen und Käse.

Monate später, in Janinas hellhölzern weitläufigem Haus in Big Sur, Kalifornien. Der Garten zitronenbaumbestanden fällt in elegantem Schwung zum Meer, zur ewig grollenden Brandung des Pazifiks hinunter ab: weiß und tintenblau schäumt das Wasser gegen rötliche Felsen. „Wenn man sich ein Stück vom Ufer entfernt, ist das Meer ganz ruhig und klar bis auf den Grund.“ Janina liebt es zu tauchen und zu schwimmen. Ich dagegen bin eher etwas wasserscheu. „Ihr Deutschen habt es gut, ihr könnt an der Ostsee fast überall nackt baden. Hier muß man sich eine abgelegene Bucht suchen.“

Janina jagt Exoplaneten, sie legt sich dazu nackt aufs Bett. Ihre Pobacken sind bitterschokoladen wie alles, nur die Fußsohlen kirschpink. „Hol mir ein Glas Wein!“ sagt sie. Ich bringe es ihr. „Nun massiere meine Füße!“

Ich massiere, Janina trinkt Rotwein, arbeitet: Die Suche nach winzigen Signalen in neblig verrauschten Spektren, ein einzelnes Bit kann den Unterschied ausmachen zwischen Planeten-Alarm! und Einsamer Stern.

„Wenn ich nicht fündig werde, bedeutet das natürlich nicht, dass man Planeten völlig ausschließen kann. Sie sind womöglich zu weit vom Stern entfernt oder zu massearm, um das benötigte winzige Signal zu erzeugen. Kraul meine Oberschenkel! Wir entdecken bisher vermutlich nur einen kleinen Anteil aller Exoplaneten, da die Methoden große Planeten in unmittelbarer Nähe des Sterns künstlich bevorzugen. Die Erde wäre beispielsweise mit meiner Radialgeschwindigkeitsmethode gar nicht auffindbar. Das bedeutet, dass dort draußen höchstwahrscheinlich eine unausgelotete Wildnis von Planeten unterhalb unseres Wahrnehmungshorizontes existiert. Findest du das unheimlich? Ich finde es unheimlich, vor allem unheimlich aufregend. Los, küss meinen Popo. Und über die Exoplaneten, die wir kennen, wissen wir bislang nicht viel mehr als die Bahngeometrie, die Masse, oder, im Fall von Durchgangsentdeckungen, die Größe. Die Oberflächentemperatur können wir nur abschätzen, über die Zusammensetzung der Atmosphäre lassen sich in einigen Fällen anhand von Spektren informierte Vermutungen anstellen. Man vergegenwärtige sich jedoch, dass es hier einzelne Photonen sind, die man misst, einzelne Photonen eines Zündholzes neben einem prasselnden Heuschober: Die Exoplanetenjagd liegt auf der Grenzlinie zwischen den Gegenständen, die der forschenden Beobachtung zugänglich, und denen, die ihr unzugänglich sind. Sie fordert uns auf, unsere eigenen Grenzen auswärts zu schieben.“

Janina gießt den Rest, der noch in ihrem Glas rotschimmert, sich zwischen die Pobacken, so dass ein feiner dunkler Strom über ihren Körper hinunter rinnt. Ihr Becken bebt mir entgegen, während ich Wein lecke.

„Es gibt dazu allerlei Ansätze, viele Überlegungen, wie wir der scheuen, halbverborgenen Exoplaneten habhafter werden könnten. Ein großes Weltrauminterferometer ist eine gute Möglichkeit: Wenn eine Flotte von Weltraumteleskopen in Formation fliegt, könnte das überlagerte Signal Auflösung von kontinentgroßen Strukturen in interstellarer Entfernung zulassen. Aber, wo wir schon dem Erdschweretrichter entflohen sind: Warum in der Nähe bleiben? Wir haben Raumsonden zu den anderen Planeten im Sonnensystem geschickt, sollten wir nicht im Laufe der Zeit auch eine über unsere kosmische Nachbarschaft hinaus zu einem extrasolaren Planetensystem aufbrechen lassen? Ja. Deshalb unterstütze ich das 100-Year-Starship Project, ja! Hmmm… Jaa!“

Später gingen wir schwimmen, im warmen atmenden Pazifik. Meine Wasserscheuheit ließ ich, zusammen mit meinen Kleidern, im Haus zurück. Wir plätscherten in den langgestreckten, von Japan her anrollenden Wogen, bis die Sonne ockerrot hinter einer horizontnah dunstgrauen Wolkenbank versank und es dunkel wurde.

Einige Tage später veröffentlichte Janina ihre Forschungsergebnisse. Das Paper wurde international einstimmig gelobt, oft zitiert und gewann einen Preis.

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