Dame Sinnlich

Ich liebe es zu tanzen.

Man kann zu jeder Tageszeit tanzen, warum nicht morgens, gleich nach dem Aufstehen?! (Manchmal denke ich im warmen augenliderrötlichen Halbschlaf, der einen ganz kurz vor dem Aufwachen einhüllt: Gleich werde ich erwachen, die Decke beiseitewerfen und inmitten weißgoldener Sonnenlichtströme tanzen!)

Man kann an einem kühlen windstillen lichtgrauen Märznachmittag alleine auf einer Waldlichtung tanzen, den schwarzen Humusboden wie eine Trommel leise erdröhnen lassen. Vor allem aber haben Menschen schon immer, von der Urzeit bis in die Gegenwart, nachts getanzt, um die Dunkelheit zu besiegen und den Sonnenaufgang zu begrüßen.

In der Nacht, der ungebrochenen, bleiernen, kalten, kohligen, teerigen Nacht, die keinen winzigsten Spritzer Licht an unsere Augen lässt, uns völlig dem spukhaften Eigengrau unserer Augen und unserem Gehör ausliefert, fühlen wir uns unbehaglich. Wer weiß, was im Dunkel lauert? Instinkte des urzeitlichen Waldes: nicht sehen können bedeutet nicht wissen, und nicht wissen oftmals sterben.

Die Menschheit möchte nichts sehnlicher, als die Nacht verjagen, das neue Licht am Osthorizont begrüßen, das den Himmel erst violett, dann kupfergrün, apfelgrün, endlich stahlblau färbt, die Schatten verbannt. Um das Warten auf den Sonnenaufgang zu überbrücken und Vorfreude zu zelebrieren erfanden wir das künstliche Licht. Lagerfeuer, Öllampen, Kerzen, Laternen, elektrische Glühbirnen, Neonröhren, Leuchtdioden, Kaltkathodenlampen, das sternscharfe Licht des digitalen Zeitalters: der Laser, das Datenlicht: Bildschirme, Projektionsgeräte, Hologramme – wir weisen die Nacht in ihre Schranken, schaffen eine Kuppel von Wärme und Farben, a stately pleasure dome, in der wir den nächsten Morgen erwarten ertanzen können.

Eine Tasse Milchtee unter fraktalem Pixelsternhimmel. Zwischen in allen Farben schimmernden Lichtgarben tanzt ein hübsches Mädchen; aschblondes Haar das ihren Körper wie flüssiges Sternenlicht umstrudelt, langer bunt gemusterter Rock, nackter Oberkörper: schöner, sehr ausführlicher Bauchnabelring an dem grüne und schwarze Steine hängen, Brüste klein und zart. Sie tanzt mit geschlossenen Augen, die Arme über den Kopf erhoben. Ist sie Nacht, Licht, Fröhlichkeit, Melancholie, Hoffnung?

„Ich bin alles zugleich. Ich bin Dame Sinnlich, und ich ertanze den Sonnenaufgang. Mein Po ertanzt den Sonnenaufgang, ich helfe ihm dabei nur. Denn der Po ist der optimistischste Körperteil des Menschen, in ihm sind Hoffnung und Aktivität zusammengeballt. Seht, wie wild und unanständig meine Backen wackeln und hüpfen, sie freuen sich auf die Morgendämmerung, die Zukunft.“

Frau Sinnlich ist modern, denn ihr Po tanzt den neuen Tag aus bunter digitaler Information, endlosen Mandelbrotspiralen die von Nirgendwo nach Nirgendwo schwirren. Sie ist auch viktorianisch-bürgerlich, denn sie trinkt gerne süßen Milchtee beim schönen Gespräch. Nur dabei stillzustehen vermag sie nicht: bewundernswerte Kunst, Tee zu trinken und zugleich zu tanzen!

„Wie wird der neue Tag sein, Dame Sinnlich?“

„Das neue Licht verbannt die Schatten: Der Himmel wird metallgrün, später dunstigstrahlendblau. Kein einziger Wolkenschleier, die Luft duftet nach Laub und Heu. Die Menschen freuen sich: Lasst uns etwas beginnen, gefürchtet haben wir uns genug. Sie erbauen die Zukunft, die mit phantastischer Geschwindigkeit keimt und emporwächst. An tintenblauen tropischen Buchten gedeiht sie. In regennebligen europäischen Mittelgebirgen, die nach feuchtem Holz und Moos und Pilzen riechen. In der Arktis, wo die Sonne klein und rötlich ist, große, kluge Vögel auf verwitternden Schiffswracks sitzen und die Gleichförmigkeit der Welt bedenken: Diese wird überwunden, die Welt umgebaut und geputzt, ausgebaut und verbessert. Wo nötig, errichtet man einen konkreten Traum. Hochtechnologie und Sinnlichkeit breiten sich auf der Erde aus, erreichen alle Orte und Gegenden, selbst die, wo sie bisher völlig unbekannt waren.

Maschinen befreien Menschen von simpler, verdummender Arbeit. Wo man bisher die Lust hasste und fürchtete, spürt man den herrlichen Strom von Sinneseindrücken, der aus dem Universum durch unsere Haut in unser Ich strömt: Die grimmigen alten Mythen sind tot, es lebe die Realität, der Genuß, die Erkenntnis. Mit scharf gebündeltem Energiestrom verwandeln Menschen den Wald der Angst, aus dem es schreit: ‚Körperliche Lust ist teuflisch!‘ in einen Garten, der zum Tanz einläd. In der violetten Sommerabenddämmerung scheint der Mond durch die Gartenbäume, die Menschheit reist zu den Sternen.“

„Es kommt keine neue Nacht der Angst?“

„Nacht und Tag rollen umeinander, überall im Universum sind donnernde Kreisläufe zwischen konzentrierter und diffuser Energie am Werk: Ohne Hell-Dunkel, ohne Warm-Kalt gäbe es weder Lust noch Leben, noch nicht einmal Planeten, die sich am Rand des trägen Zyklus‘ von dünner Nebelmaterie zu rasendem Sternfeuer zurück zum Nebelschleier bilden. Menschen haben der unbelebten Materie, den niederen Tieren, ein wichtiges voraus: Sie erinnern sich an vergangene Zyklen, an lang zurückliegende kaltneblige Nächte. Sie wissen: Schon früher einmal haben wir die Finsternis überwunden, durch Musik und Geschichten, Tanzen und Sinnlichkeit. Daher sind unsere Zyklen keine geschlossenen Kreise, sondern Teil unserer Wanderung auf der Brücke farbigen Lichts, die zu den Sternen reicht.“ Dies erklärt uns Dame Sinnlich. Elegant setzt sie ihre Teetasse ab, zieht sich den Rock aus und tanzt nackt über die Brücke aus farbigem Licht, die über den Sternenstrom zum Sonnenaufgang reicht.

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