Mehr Carl Sagan, weniger Sexismus

Vor einigen Tagen lief die #aufschrei-Kampagne durchs Internet: Frauen sammelten teilweise sehr schlimme Erlebnisse mit sexistischem Verhalten von Männern. Auch ich schrieb etwas dazu, denn dass ich Mann bin heißt ja nicht, dass ich gegen Frauen gerichteten Sexismus nicht erkennen und schrecklich finden kann.

All dies wirft natürlich die Frage auf: Was können wir dagegen unternehmen? Wie können wir dem Sexismus entgegenwirken?

Um einen Mißstand zu bekämpfen ist es nötig, sich zu überlegen, was seine Ursachen sind. Ich möchte nun nicht darüber spekulieren, woran es liegt, dass ein Großteil der Gesellschaften auf der Erde jahrtausendelang von Männern beherrscht wurden – ich bin kein Historiker, kein Kulturwissenschaftler, und dieses Thema wäre für diesen Artikel überdimensioniert. Persönlich favorisiere ich oft die „simple“ Erklärung dass das männliche gesellschaftliche Übergewicht einfach ursprünglich auf biomechanisches Übergewicht zurückführbar ist, dass die durchschnittliche größere Körperkraft von Männern es ihnen mit anderen Worten einfach erlaubte, sich in der Urzeit an die Spitze der Horde hochzuprügeln. Doch solche Spekulationen würden hier wie schon gesagt viel zu weit führen. Stattdessen will ich überlegen, wodurch in der heutigen Gesellschaft sexistisches Verhalten entstehen könnte, und dann, wie sich die Ursachen abstellen lassen.

Ein erfundenes aber (leider) realistisches Beispiel für Sexismus. Ein Jugendlicher flappst eine junge Frau an: „Ey Schnecke, siehst geil aus, willste f****n?“ Sie: „Lass mich in Ruh!“ Er: „Blöde Schlampe!“ – und schlägt ihr eine rein.

Was stimmt bei diesem Jugendlichen nicht? – werden viele sich zurecht fragen. Er ist schlecht erzogen, kennt keine Höflichkeit, keine Zurückhaltung. Er hat keinen Respekt vor Frauen, oder vermutlich: Generell keine Respekt vor Menschen. Er kann seine eigenen Primäremotionen nicht kontrollieren. Er ist ein Idiot… stimmt zweifellos alles, aber lässt sich es sich auf einen gemeinsamen Nenner bringen?

Ein Beispiel für freundliches, höfliches Verhalten. Mann: „Entschuldigen Sie, ich finde Sie bezaubernd und wunderschön. Möchten Sie mit mir ausgehen?“ Frau: „Vielen Dank, aber ich habe schon einen Freund.“ Er: „Achso, okay. Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag!“

Was funktioniert im Inneren dieses Mannes richtig? Er ist höflich, zurückhaltend, respektvoll. Er weiß, wie man die Grenzen anderer Menschen erkennt und beachtet sie auch. Er bringt seine Emotionen in eine Form, die sie für andere Menschen angenehm macht.

Mir scheint, die Voraussetzung hierfür lässt in Form von drei Punkten formulieren: Schön denken – schön fühlen – schön sprechen und handeln; wobei man den dritten Punkt als Resultat der ersten beiden betrachten kann.

Schön denken. Über die Geheimnisse der Natur lesen, lernen und nachdenken; wissenschaftliche Neugierde und Forscherdrang. Wer sich schon mal mit den wunderbaren und gewaltigen Prozessen beschäftigt hat, die in unserem Kosmos ablaufen – vom Urblitz über die Entstehung der Galaxien, Sterne und Planeten bis zum Leben auf der Erde, der Evolution von den ersten Makromolekülen bis hin zum menschlichen Gehirn, das diese Prozesse zu erforschen, verstehen und bestaunen vermag – kann ein Mensch, der dies betrachtet und darüber nachgedacht hat, ein Sexist, oder ein Rassist, ein Homo- oder Transphober sein? Nein: wissenschaftliche Forschung, wenn sie im richtigen, humanistischen Geist betrieben wird, schweißt die gesamte Menschheit, alle sieben Milliarden Personen mit ihrer jeweils ganz eigenen Geschichte, ihren individuellen Gefühlen und Ansichten, zusammen, sie ist eine gemeinschaftliche humane Bemühung. Und sie erlaubt uns auch, uns selbst in einem neuartigen, schönen Zusammenhang zu sehen: Als aus dem Kosmos durch natürliche Prozesse hervorgegangene Struktur, die in der Lage ist, ihn zu begreifen! Dass wir dies können ist ein wunderbares Geschenk der Realität an uns.

Schön fühlen. Beschäftigung mit klassischer und moderner Kunst und Belletristik: die großen Romane verändern etwas in uns, wenn wir sie lesen. Sie berühren uns im Innersten, lassen unsere Gefühle schöner und komplexer werden, indem sie sie mit der Welt – anderen Menschen, der Menschheit als Ganzem, der Geschichte der Zivilisation oder auch, je nach Roman, mit der Natur und dem Kosmos – verbinden. Die Literaturgeschichte hat vermutlich mehr großartige Bücher hervorgebracht als ein Mensch in seinem Leben lesen kann; sollte ich jedoch drei Romane nennen, die mir als Grundlage für eine „schöne Emotionalität“ optimal erscheinen, so würde ich „Die Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust, „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil und „Gravity’s Rainbow“ von Thomas Pynchon nennen. Wer diese Werke gelesen und sich davon hat faszinieren lassen, der lässt, denke ich, unreifes, antihumanes, diskriminierendes Verhalten anderen Menschen gegenüber hinter sich ebenso zurück, wie er als Kleinkind aufgehört hat, in die Hose zu machen. Unhöflichkeit und Aggressivität haben ihre Wurzel immer auch in einer Infantilität der Gefühle, und große Romane wirken der Infantilität effektiv entgegen, indem sie den Gefühlen Komplexität und Welthaltigkeit verleihen.

Schön sprechen und handeln. Verstand und Gefühl liegen näher beeinander, als wir heutzutage gemeinhin denken, ich vermute sogar, sie sind zwei unterschiedliche Aspekte derselben Sache – daher ergänzen sich die ersten beiden Punkte nicht nur gegenseitig, sie bringen auch fast automatisch den dritten hervor: Ein Mensch, der schön denkt und fühlt, wird auch schön sprechen und handeln. Dies kann gegebenenfalls noch gefördert werden durch Aktivitäten, die zu einem schönen Gestus und einem angenehmen, sinnlichen Körpergefühl beitragen – Tanzen, Musik, Theater spielen. Und auch ein klein wenig Benimmunterricht würde keinesfalls schaden.

Mir scheint daher, dass wir, wenn wir dem Sexismus (und anderen Formen von archaischer Diskriminierung) begegnen wollen, dafür sorgen sollten, dass die Menschen sich zum einen mit den Naturwissenschaften beschäftigen, mit Astrophysik, Kosmologie und Biologie, zum anderen mit großer Literatur, insbesondere Autoren wie Marcel Proust, Robert Musil und Thomas Pynchon. Und ein angenehmes Körpergefühl, verbunden mit schöner Sprache und Gestus, kann durch aktive, sinnliche Künste gefördert werden.

Natürlich ist es nicht möglich, Menschen dazu zu zwingen, sich mit irgendetwas zu befassen, wir leben nicht in Platons Idealstaat (zum Glück). Es ist jedoch möglich, auf eine Gesellschaft hinzuarbeiten, in der bestimmten Aktivitäten und Wissensbereichen viel Bedeutung beigemessen wird. Dies kann dadurch erfolgen, dass im Schulunterricht entsprechende Fächer und Schwerpunkte angeboten werden. Und dann hat auch jeder die Möglichkeit, selbst im Kleinen aktiv zu werden: Sidewalk Astronomy-Veranstaltungen, bei denen Passanten durch ein kleineres Teleskop einen Blick auf den Mond oder die Planeten werfen können, sind beispielsweise eine wunderbare Methode, um die Menschen für Astronomie zu begeistern.

Ja, so eigenartig dies manchem erscheinen mag: Ich glaube, dass man mit einem Teleskop gegen Sexismus kämpfen kann! Die Welt braucht mehr Carl Sagan, weniger infantile Aggressivität.

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